01.07.2011 09:03
Arbeitsmarkt
Industrie: Ohne qualifizierte Mitarbeiter Großbetriebe nicht haltbar
Die Vertretung von Österreichs großen Industriekonzernen hat am Mittwoch wieder einmal ihre Wünsche an die Politik deponiert. Den größten Handlungsbedarf sieht der scheidende Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Veit Sorger, in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Infrastruktur, Klimapolitik sowie beim "Faktor Arbeit". "Die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Mitarbeitern ist das Um und Auf - ist dies nicht gegeben, sind die Leitbetriebe nicht haltbar", sagte er am Mittwoch vor Journalisten. In Österreich könnten nach IV-Hochrechnungen in 15 Jahren 500.000 Arbeitskräfte fehlen.
Die Hacklerregelung möchte Sorger bekanntlich lieber heute als morgen abschaffen, die Bildungsreform gehöre dringend vorangetrieben. In Deutschland tue sich, wenn die heute 45- bis 54-Jährigen in Pension gehen, eine Arbeitskräftelücke von rund fünf Millionen auf, hat die IV laut Sorger ausgerechnet. Umgemünzt auf Österreich hieße dies, dass es hierzulande bald eine halbe Million Arbeitskräfte zu wenig gibt. Hinzu komme, dass viele Hochqualifizierte nach Deutschland abwanderten.
Von daher "werden wir uns sicherlich nicht leisten können, dass wir unsere Leute mit 58 in Pension schicken. Wir brauchen sie", bekräftigte Sorger. Der Vorwurf, dass viele Leitbetriebe ältere Arbeitskräfte nicht mehr einstellten, sei korrekt. "Wir haben uns wirklich lange so verhalten", räumte er ein, "aber wir haben gelernt". Nun sei "allerhöchste Eile geboten", die Hacklerpension abzuschaffen. Denn die Gefahr, dass wegen des Fachkräftemangels Leitbetriebe abwandern, sei größer, als sie wegen der hohen Kosten zu verlieren.
Voestalpine-Chef Wolfgang Eder sprach in diesem Zusammenhang von einer "perversen Situation". Die Hacklerregelung "torpediert unsere Ambition, unsere Mitarbeiter möglichst lange im Arbeitsleben zu halten", sagte er. Bei der Voest gingen Angestellte in Österreich im Schnitt mit 60 beziehungsweise 61 Jahren in Pension.
Qualifizierte Arbeitskräfte sind auch nach einer am Mittwoch präsentierten IV-Studie der Top-Standortfaktor für die sogenannten Leitbetriebe, von denen es in Österreich laut Mitherausgeber Gerhard Riemer rund 300 in Österreich gibt; mitgemacht haben bei der Studie aber nur 106 Firmen, so ist etwa T-Mobile dabei, nicht aber die börsenotierte Telekom Austria. Diese 106 hätten selbst zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise, als vier von zehn Firmen mit Umsatzeinbrüchen von mehr als 20 Prozent binnen eines Jahres konfrontiert gewesen seien, 104 Milliarden Euro an gesamtwirtschaftlicher Produktion, 424.000 Arbeitsplätze und insgesamt 95.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) abgesichert, so Eder.
Aktuell seien die 106 untersuchten Betriebe wieder guter Dinge: Drei von vier hätten 2010 wieder Umsatzzuwächse verbucht, und 54 Prozent gingen bereits wieder von steigenden Beschäftigtenzahlen in den kommenden Jahren aus. "Der Antreiber des Aufschwungs war einmal mehr der Export", sagte Sorger. Zu verdanken sei die rasche Erholung aber auch den "klugen" Politmaßnahmen wie Kurzarbeit und Co. Zufrieden ist Sorger auch mit den "Anstrengungen der Regierung" in den vergangenen Wochen respektive der "Abarbeitung der offenen Themen". "Ich glaube, dass ein entsprechender Umschwung stattgefunden hat", streute der scheidende IV-Chef der Politik Rosen.
Eder pflichtete ihm bei: "Bei F&E gibt es offensichtlich die Bereitschaft, noch etwas draufzusetzen", meinte er. Man dürfe "den Aufholprozess ja nicht abreißen lassen". Bei der Voest "fehlen uns qualifizierte Mitarbeiter auf allen Ebenen", so Eder. Daneben gebe es immer mehr Lehrlinge mit eklatanten Bildungsmängeln. Der Lehre mit Matura steht Eder skeptisch gegenüber. "Die studieren schon, nur die studieren das, was wir am wenigsten brauchen", etwa Soziologie oder Politikwissenschaft. Und die Migration könne den Arbeitskräftemangel "nicht wettmachen". Qualifizierte Arbeitskräfte seien längst nach Großbritannien oder in die USA gegangen - wo man "keine Angst" vor Menschen aus Osteuropa habe.(APA/red)
























