16.07.2010 08:00
Constantia Firmengruppe
Das Erbe des Patriarchen
Vor fünf Jahren starb der österreichische Paradeindustrielle Herbert Turnauer. Seine Constantia Firmengruppe, ehedem mehrheitlich in gemeinsamem Familienbesitz, ist heute unter seinen Kindern aufgeteilt. Einige Unternehmen aus seinem ehemaligen Reich würde der Patriarch heute kaum mehr wieder erkennen. (Dieser Artikel der Jubiläumsserie 20 Jahre INDUSTRIEMAGAZIN erschien in der Ausgabe März 2005)
Er experimentierte gerne, ganz besonders in jüngeren Jahren. Herbert Turnauer, 1907 in eine k.u.k.-Unternehmerfamilie hineingeboren, betrieb schon in den 30er Jahren eine Lackfabrik in Prag. Mit wasserlöslichen Lacken, ehedem eine Sensation, sollte er zukünftig gutes Geld machen. „Turnauer hatte immer großes Interesse an technisch-chemischer Entwicklungsarbeit“, weiß Guido Schmidt-Chiari, langjähriger Wegbegleiter des Industriellen. Was lag da näher, auch in der neuen Heimat, in die der Sudetendeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde, an Farben und Lacken zu tüfteln?
Mittellos, aber nicht mehr ganz jung, begann Turnauer noch in den Anfangsjahren der Republik mit einem kleinen Betrieb in Mödling. Seine Neugier gepaart mit der seltenen Eigenschaft, im richtigen Moment das bisherige Lebenswerk loslassen zu können, war es denn, die Ende der 60er Jahre den Grundstein für seinen Konzern legen sollte. 1969 verkaufte er seinen bisherigen unternehmerischen Lebensinhalt, das Chemieunternehmen Stollack. Und holte sich damit gutes Geld für seine neuen Projekte: den Ausbau der parallel gegründeten Isovolta und den Erwerb der Mehrheit an der Teich AG. Seit Anfang der 70er Jahre konnte wohl kein Kapitel heimischer Industriegeschichte mehr ohne ihn geschrieben werden.
„Andere“ Vermögenswerte. Heute, fünf Jahre nach dem Tod des letzten heimischen Firmenpatriarchen, existiert seine in Jahrzehnten aufgebaute Constantia Firmengruppe längst nicht mehr als Konzern. Der Patriarch höchstselbst hatte sie 1995 – bereits mit Vorausschau auf die künftige Erbteilung – zerlegt. Die Constantia Packaging mit ihren Bereichen Wellpappe (Duropack) und flexible Verpackungen (Teich, Haendler & Natermann) – gehört mehrheitlich Turnauers Tochter Christine de Castelbajac (58). Die Constantia Industries, ehemals Constantia-ISO, mit ihren großen Bereichen Holz (Funder, Max) und Kunststoffe (Isovolta, Isosport), befindet sich jetzt im Eigentum von Sohn Max (74) und dessen Familie. Enkel Stanislaus (34) sitzt im Holding-Vorstand. „Insgesamt hat Herbert Turnauer versucht, beiden Kindern etwa gleich große Teile zukommen zu lassen“, erklärt Guido Schmidt-Chiari, heute nur noch Aufsichtsratsvorsitzender der Constantia Packaging. Was die eine Gruppe weniger an unternehmerischen Werten bekommen hat, sei durch „andere Vermögenswerte“ aufgewogen worden.
Strategische Probleme. Sorgen wegen der Nachfolge dürfte Turnauer zu Lebenszeiten wohl gehabt haben. Denn einen logischen Erben gab es nicht. Sohn Max hatte nie sonderliches Interesse gezeigt, sondern fühlte sich als Botschafter der Malteser in Prag wohler. Enkel Stanislaus wurde wohl gut auf künftige Führungsfunktionen vorbereitet, war aber noch zu jung, um gleich den ganzen Konzern umzubauen und an die Erfordernisse der Zeit heranzuführen.
Die ungelöste Nachfolgefrage wirkte sich auch strategisch aus. „Ich bin angesprochen worden, ob Interesse an Funder besteht“, sagt etwa Ewald Nageler, bis Ende letzten Jahres Finanzvorstand beim Spanplatten- Erzeuger Egger und heute Vorstand in der Frapag Industrieholding. Egger wäre, so die Überlegungen im Konzern, ein idealer Partner, um die Zukunft von Funder sicherzustellen. Zu konkreteren Verhandlungen kam es nie, offenbar fand bei Herbert Turnauer ein Meinungsumschwung statt. „Sie sind dann nie mehr wieder gekommen“ sagt Nageler.
Die Unsicherheit bestand in diesen Jahren aber nicht bloß auf der ISO-Seite des Konzerns. „Der Entscheidungsprozess für eine mögliche Kapitalerhöhung war zum Mäusemelken“, klagt ein Wiener Investmentbanker, der nicht genannt werdenwill, weil er nach wie vor Interesse an einem Mandat der Packaging Gruppe hat. „Man lud Banken ein, ließ sie präsentieren, und dann fielen keine Entscheidungen.“
Heute, so scheint es, sind einige der Strategien klarer. Doch wie sind die beiden Industriegruppen fünf Jahre nach dem Tod des mächtigen Patriarchen aufgestellt? Und: Ist der Übergang vom – trotz Börsenotierung – alleine auf eine Person zugeschnittenen Konzern zum modernen managementgeführten Unternehmen gelungen?
CONSTANTIA PACKAGING
Globalisierung und Gerangel
Herbert Turnauer würde den Bereich Packaging heute kaum mehr wieder erkennen.
Bei der Constantia Packaging gibt man sich bemüht, den Streubesitzern gegenüber informativer aufzutreten, als dies unter Turnauer der Fall war: Man notiert seit Anfang 2002 im Prime Market der Wiener Börse, bilanziert nach IAS, und die Kurse haben sich schließlich in den letzten beiden Jahren vom lange klebrig scheinenden Boden von neun Euro deutlich über die 24-Euro-Marke bewegt.
Für diese Kursentwicklung gibt es auch stärkere Argumente als jenes allgemeine vom lokalen Wiener Börseboom. Wohl lag die Packaging-Gruppe in einer Analyse der Raiffeisen Centro Bank vom Vorjahr bei mehreren Finanzkennzahlen noch ein, zwei Prozentpunkte hinter den meist gut verdienenden Konkurrenten der „Peer Group“. „Wir sind aber schon über dem Median“, freut sich Vorstand Michael Götz und verweist auf fast verdoppelte Umsätze seit 1999 – und vor allem Erträge. Der Anteil des Ergebnisses vor Steuern am Umsatz kletterte in den letzten Jahren auf immerhin acht Prozent.
„Derart große Kunden.“ Mit der rasanten Internationalisierung hat sich die Packaging weit von Turnauers Konzern mit seinem Österreich-Schwerpunkt entfernt. „Wir haben versucht, uns an die neuen Gegebenheiten anzupassen“, so Götz. Die dezentrale, flache Organisation der Gruppe mit einer winzigen Holding habe man beibehalten, aber – etwa bei der flexiblen Verpackung - eine Divisionsleitung eingezogen. „Europaweit nimmt die Tendenz zu Tendern zu, man muss bei den großen Markenartiklern meist für ganze Regionen anbieten, etwa für Frankreich, Italien, Spanien.“ „Die Märkte haben sich geändert“, setzt Aufsichtsratschef Schmidt- Chiari fast entschuldigend hinzu. „Das hat Herbert Turnauer in dieser Form nicht vorhersehen können: Einen europäischen Markt, eine Währung, derart große Kunden.“























