04.04.2011 08:24

Exklusiv

Seite 3: Die Akte AE&E

Die Geschichte vom Untergang des milliardenschweren Anlagenbauers AE&E muss neu geschrieben werden: Unterlagen, die INDUSTRIEMAGAZIN vorliegen, legen nahe, dass die Führung des Konzerns mit Bilanztricks jahrelang Banken, Öffentlichkeit und auch Eigentümer Mirko Kovats über die wahren Verluste der AE&E getäuscht hat.

AE&E, Insolvenz, Anlagenbau
© Helene Waldner

„Die Forderung gegenüber Siemens ist absolutes Wunschdenken. Sie ist weder in Verhandlung noch gegenüber Siemens gemeldet – ja nicht einmal intern ordnungsgemäß dokumentiert. Sie muss sofort auf null abgeschrieben werden.“ Interne Mail an das Management der AE&E.

Ein ähnliches Muster der Buchung virtueller Forderungen ist auch beim Kraftwerksprojekt Prony II dokumentiert. Bei einem Budget von 117,1 Millionen Euro wurde ein Gewinn von 6,6 Millionen Euro bilanziert – nach der Verbuchung einer Forderung von 13,2 Millionen Euro gegen den Lieferanten Endel (einer Tochter des französiischen Gaz-de-France-Konzerns). Der Forderung – gerichtsanhängig und „mangelhaft dokumentiert“, wie ein Managementbericht urteilt – standen jedoch selbst Gegenforderungen von Endel in der Höhe von 25 Millionen Euro gegenüber. Korrekt verbucht hätte nicht nur die Forderung keinen Eingang in die Bücher finden dürfen, sondern sogar eine Prozessrisikorückstellung vorgenommen werden müssen.

Am dramatischsten dürften die Abweichungen zwischen den in den Büchern dokumentierten Werten und jenen der Realität jedoch in Worsley gewesen sein.
Das Projekt, Anfang 2008 begonnen, sollte das größte in der AE&E-Geschichte werden. Es war 2009 mit einem Auftragswert von 341,2 Millionen Euro und einem Gewinn von 23,7 Millionen budgetiert. Doch schon in den frühen Phasen des Baus gab es große Verzögerungen. Heute ist klar, dass schon Ende 2009 Verluste in zweistelligen Millionenbeträgen in den Büchern hätten stehen müssen.


Alstom-Connection.

Doch wer wusste wann von diesen Vorgängen? Finanzvorstand Jürgen Brandt (er ist heute Finanzchef des Schweizer Anlagenbauers Sulzer AG) ließ INDUSTRIEMAGAZIN nach mehreren Anfragen ausrichten, er „wolle sich zu diesem Thema nicht äußern“. Auch der ehemalige AE&E-Vorstandschef Georg Gasteiger war nicht zu einer Stellungnahme bereit. Fest steht: Verantwortlich für das Management der Projekte in Down Under war Graham Salter, Vorstandschef der AE&E Australien, China und Thailand. Dass dieser Gasteiger und Brandt über die Bilanzierungspraktiken im Unklaren gelassen hat, muss bezweifelt werden. Immerhin war Salter ein persönlicher Freund – und ehemaliger Vorgesetzter der beiden bei der Industrial Boiler Division des Anlagenbauers Alstom. AE&E-Konzernchef Gasteiger hat Salter erst im März 2008 zum Chef seiner Asiengeschäfte gemacht.


Fortsetzung auf Seite 4.

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