02.07.2012 09:26

Fabrik 2012

„Im Sog der Geopolitik“

Joschka Fischer, Claus Raidl und Konrad Paul Liessmann diskutierten beim Industriekongress die Notwendigkeit der politischen Einigung Europas. Eine Schicksalsfrage, wie Fischer meint: „Wer in der Mitte des Flusses stehen bleibt, ertrinkt.“

Joschka Fischer eröffnete mit einem Eingeständnis: Nach dem 11. September 2001 hatte er behauptet, die Katastrophe werde den Lauf der Geschichte verändern. Das habe sich als falsch herausgestellt: „Natürlich hat es die Politik der USA verändert, aber entscheidend ist der Aufstieg der Schwellenländer – das ist der zentrale Trend unserer Zeit und wird die Welt in einem Maße verändern, wie wir es seit der Industrialisierung nicht erlebt haben.“


Dass ein Keynote-Speaker wie der deutsche Außenminister a. D. den inhaltlichen Rahmen eines Kongresses erweitert, ist erwartbar. Joschka Fischer nahm beim Industriekongress „Fabrik 2012“ in Wels das Thema Rohstoffe und Energie denn auch nur als Nukleus für seine Vision der weiteren Entwicklung Europas.

Ans andere Ufer

Und dieses Europa, meinte Fischer, befinde sich in keinem guten Zustand – wirtschaftlich wie geostrategisch. Angesichts des massiven Erstarkens von Staaten wie China oder Indien stellten sich fundamentale Fragen, die weit über die Bewältigung der Krise des Euro hinausgingen: „Wir erleben einen Machttransfer von West nach Ost. Wir haben es mit einer Enteuropäisierung, einer Entwestlichung zu tun. Die Frage, die sich uns stellt, ist nun: Schaffen wir den Schritt vom gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung zu einer gemeinsamen Politik? Schaffen wir das nicht, dann können wir den Euro gleich aufgeben.“

Für Fischer eine Schicksalsfrage, „denn wenn wir in der Mitte des Flusses stehen bleiben, ertrinken wir. Wir können nur zurückgehen oder ans andere Ufer.“ Ein Weg, der Europa erstmals in der Geschichte nicht aufgezwungen werde. Historisch daran gewöhnt, dass große Veränderungen nur nach – verlorenen – Kriegen erfolgten, müsse sich der Kontinent nun erstmals aus einem Zustand der Prosperität und politischen Stabilität weiterentwickeln – „doch einen friedlichen Wandel im Kopf zu akzeptieren, ist offenbar sehr schwierig“, meinte Fischer.

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