30.09.2010 11:22

Industriemetall

Seltene Erden: Problemfall China

Regierungen zeichnen in unter Verschluss gehaltenen Dossiers Horror-Szenarien für die Rohstoffversorgung Europas. Große Unternehmen wie der heimische Feuerfesthersteller RHI betteln förmlich um EU-Hilfe. Der globale Wettstreit um Industriemineralien und seltene Metalle wird immer härter.

„Das Problem ist hier und jetzt“ stöhnt Bernhard Nagiller. „50 Prozent unserer Kosten sind Rohstoffe“, so der Leiter von Public Affairs und Strategische Projekte bei der RHI. Bekanntlich ist der Feuerfesthersteller auf Magnesia angewiesen. „Und da werden die Weltmarktpreise künstlich hoch gepusht. Wir spüren das bereits in unseren Ergebnissen.“ Vor allem China, wo knapp ein Drittel der Vorkommen lagern und gut die Hälfte der Welt-Produktion getätigt wird, drückt am Preishebel. Nach oben. Und das mit allen Mitteln.

Obwohl Mitglied der WTO und damit zu einem fairen Wettbewerb verpflichtet, wird der Magnesia-Export zusehends behindert. „Zu Ausfuhrsteuern und Ausfuhrlizenzen kommt noch dazu, dass die Chinesen die Umsatzsteuer einbehalten.“ Dies bedeute laut Nagiller „einen Kostenaufschlag, der eins zu eins in unsere Bücher geht.“ Mit anderen Worten: Diese sehr spezielle chinesische Wertschöpfung bedingt pro Tonne Magnesia die zweifachen Kosten gegenüber dem originären Rohstoffpreis. Die Krux daran: „Das europäische Unternehmen muss den Aufschlag zahlen, das chinesische nicht.“

China pfeift auf die WTO-Regeln. Gerne mit dem Verweis auf „Umweltschutz“ garniert erhebt der Gigant derzeit 373 verschiedene Exportbeschränkungen. Für 2013 ist sogar ein Ausfuhrstopp für Eisenerz angekündigt. Im Worst-Case-Szenario könnten die europäischen Hochöfen bald ausglühen. Kein Lercherlschas. Seit Jahren warnen Militärs, allen voran der deutsche und britische Geheimdienst, vor den Folgen der expansiven Rohstoff-Sicherung durch China, aber auch Indien, Russland, Süd-Korea oder den USA. Deren Beutezüge in Afrika und Lateinamerika schaffen Fakten. Immer stärker werden Rohstoffe nicht mehr durch Öffnung von Märkten gesichert, sondern durch Aufkaufen von Rohstoffquellen. Vor allem staatliche Rohstoffagenturen aus dem asiatischen Raum prahlen mit ihren Dollar-Muskeln aus den Währungsreserven.

Eine gesamteuropäische Gegenstrategie verbeißt sich – noch – in ihren Ansätzen. Dafür auf hohem Niveau. Paul Rübig, österreichischer EU-Mandatar und so etwas wie Mr. Rohstoffe in Brüssel: „Die European Satellite Agency informiert uns über Funde und Ausbeutungsstand weltweit. Wir haben Datenbanken, die uns zeigen, was möglich ist, wo europäische Unternehmen Zugang finden könnten.“ Und Wirtschaftsminister Mitterlehner ergänzt zutreffend, dass „Österreich in der EU echte Pionierarbeit in dieser Causa geleistet hat. Schon 2008 wurden auf Basis einer Studie der Montuni Leoben 14 ‚Raw Materials’ für europäische Kernindustrien ausgemacht.“ Darunter Antimon, Gallium, Graphit, Indium, Niob, Selten-Erd-Elemente, Platin und eben Magnesia.

Reinhold Mitterlehner will mit Industriekommissar Antonio Tajani ausloten, wie heimischen Unternehmen beim Aufbau von eigenen Lagerbeständen geholfen werden kann. Fix ist aber auch: „Die Rohstoffversorgung ist primär eine Angelegenheit der Unternehmen.“ Dass die EU „Raw Materials“ aufkauft und auf Halde legt ist ohnehin blanke Utopie. Eine strategische gemeinsame Einkaufspolitik großer Unternehmen aber durchaus denkbar.

In diese Richtung peilt ein in Gründung befindlicher „European Raw Materials Club“ in Brüssel. Treibendes Unternehmen ist die RHI unter wesentlicher Mitwirkung des Lobbyisten und Experten für Rohstoffpolitik Gregor Schönstein, Managing Partner von Public Interest Consultants. Während der sehr exklusiv besetzten Salon-Debatten beim Forum Alpbach zeigte sich Schönstein zwar erfreut, dass das Thema in relevanten EU-Zirkeln gelandet sei, was aber fehle sei das Bewusstsein für die zeitliche Dramatik: „Die Rahmenbedingungen für die Sicherung von Rohstoffen für die europäische Industrie verschlechtern sich Monat für Monat. Während die Europäer über die Zugänge verhandeln, kaufen sich die anderen die Rohstoffe. Und Dollars aus den Verkäufen von Rohstoffen sind für viele afrikanische oder lateinamerikanische Länder deutlich attraktiver als internationale Handelsabkommen.“

In einer Parallel-Aktion zum Rohstoff-Club basteln Paul Rübig und sein deutscher MEP-Kollege Karl-Heinz Florenz an einer politischen „European Raw Materials Group“. Stoßrichtung sind Wissenschafter, Europa-Politiker, Beamte der Kommission und nationale Rohstoffexperten. Rübig: „Beim Gas haben wir ja schon gespürt, was passiert, wenn ein Land dicht macht. Dass Putin aus rein politischen Gründen die Pipeline durch die Ukraine zugedreht hat, war ein Weckruf.“ Die künstliche Energieverknappung betrifft halt sofort jeden einzelnen EU-Bürger an der Tankstelle. Oder es wird kalt in der Hütte. Also reagiert die Politik umgehend. Bei seltenen Erden und Industriemineralien sind allerdings vorerst nur Unternehmen in der Falle. Mit oft unterschiedlichen Interessen und in hinderlicher Konkurrenz-Denke.

„Wir haben keine fix und fertigen Lösungen auf den Tisch“, sagt Rübig klar heraus, skizziert aber, wo’s lang geht: „Wir brauchen wirtschaftliche Gegengewichtung. Wenn wir die EU-Landwirtschaftsregeln lockern, dann fordern wir von den Partnern Zugang zu seltenen Rohstoffen. Jeder der glaubt, er kann den anderen über den Tisch ziehen, wird mit einer Gegenmaßnahme rechnen müssen.“ Europa ist der kaufkräftigste Raum der Welt. „Ohne uns läuft gar nix mehr. Das müssen wir aufzeigen.“

Tatsächlich wird Schattenboxen nicht viel helfen. Mit Ausnahme bei Baurohstoffen ist die europäische Import-Abhängigkeit von ungeheurer Dimension: Summa summarum werden 83 Prozent der Primärrohstoffe importiert. Seltene Erden kommen zu 95 Prozent aus China, drei Viertel des importierten Platins aus Südafrika ... die Liste ist endlos. Nicht zu vergessen, dass über 50 Prozent der wichtigsten Rohstoffvorkommen in politisch und wirtschaftlich instabilen Ländern liegen.

Industriekommissar Tajani wird noch heuer ein Papier zur Rohstoffsicherheit herausgeben, inklusive einer außenpolitischen Strategiebeurteilung. Viel Knowhow aus Österreich soll darin schon eingeflochten sein, der heimische Rohstoffplan wird ja als Best Practice-Modell hofiert. Auch gilt die hiesige Recycling-Politik, Stichwort: ARA, als vorbildhaft. Wie verbindlich Tajani mit EU-Schützenhilfe sein kann, ist indes noch völlig offen.

Also streben die EMP-Mannen Rübig und Florenz vorerst einmal eine Online-Hilfe an. Genauer gesagt eine Webseite, auf der alle Hemmnisse für internationale Rohstoff-Deals abrufbar sind. Eine nachgelagerte Trouble-Shoot-Behörde soll den Industriebetrieben bei Rechtsfragen zur Seite stehen.

Was auch immer in der Rohstoffproblematik unternommen wird – es sollte gestern gemacht worden sein. Ob in Handys, Notebooks, Hybridautos, Solarzellen oder Glasfaserkabeln, überall sind neben reichlich Gehirnschmalz die Goldstoffe der Zukunftstechnologien enthalten. Stahl-, Chemie- und Elektroindustrie hängen am Versorgungstropf mit dem seltenen Zeugs. Und mittlerweile wird gar ein Allerweltsmetall wie Kupfer gehypt. Simpler Grund: Mit der neuen Generation von Elektromotoren steigt in den Fahrzeugen der Kupferanteil von 25 auf 65 Kilogramm. Klar, dass am Kupfermarkt allen voran die Chinesen aktiv sind, beispielsweise mit dem Kauf einer Kupfermine in Afghanistan.

Und was kann ein österreichisches Unternehmen wie die RHI tun, um seine Position als Weltmarktführer abzusichern? Bernhard Nagiller: „Lagerstätten aufkaufen, wo immer es möglich ist.“ Kein einfaches Unterfangen freilich, auch wenn genug Geld dazu vorhanden ist. „Weil im Bergbau die Mühlen langsam mahlen. Ab Kauf rechnen wir von den statischen Gutachten bis hin zu allen Genehmigungen gut und gerne fünf Jahre bis zur ersten Schürfung.“

Zumindest dies ist ein Maßstab, der für alle gleich gilt.

Josef Neumayr

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