15.11.2010 11:14

Intelligente Strom-Netze

Smart Grids: Energiewende 2.0

Sonnenkollektoren, Biomasseanlagen und Windräder bringen die Stromnetze an ihre Grenzen. Mit klugen Zählern, viel IT und neuen Konzepten wollen die Versorger das Prinzip der Stromnetze umkrempeln. Doch bis die Waschmaschine automatisch mit billigem Strom wäscht und die Batterien der Elektroautos als großer Stromspeicher dienen, fließen noch viele Elektronen durch die Leitungen.

Smart Grids
© Georg Flor

Der Bedarf für intelligente Stromnetze steigt: „Kommt noch viel mehr Ökostrom, können wir unsere herkömmlichen Netze nicht mehr steuern.“

Durch den Ausbau der Erneuerbaren Energie verändert sich die Rolle der Energieversorger. Sie sind nicht mehr nur Produzenten von Strom, sondern müssen den von den Verbrauchern erzeugten Strom ins Netz integrieren. Das Problem dabei: Sie wissen nicht im Voraus, in welchen Gebieten die Bürger auf Sonnenkollektoren oder Blockheizkraftwerke setzen. „Es macht keinen Sinn, die Netze mit Informationstechnologie vollzustopfen wenn es in manchen Regionen gar nicht notwendig sein wird“, sagt der Smart Grids-Experte Hubert Fechner. „Die Infrastruktur muss vielmehr mit den Anforderungen mitwachsen.“ Die Einführung von Smart Grids muss daher als Prozess verstanden werden, von dem man nicht weiß, wann oder ob er jemals beendet sein wird. Es kann 2030 sein, wie viele Experten mutmaßen, aber auch früher oder eben später.

Und noch eine Unsicherheit gilt es in den Griff zu bekommen: die starken Schwankungen der erneuerbaren Energien. Hierzu bieten sich Blockheizkraftwerke an. Diese bestehen aus einem Motor, der einen Generator antreibt und damit Strom erzeugt. Zugleich wird die Abwärme zum Heizen genutzt. Ein etabliertes Verfahren, das bereits in Wohnhäusern eingesetzt wird.

Werden nun mehrere dieser Kellerkraftwerke mit Fotovoltaik- und Windkraftanlagen zu einem „virtuellen Kraftwerk“ zusammengeschaltet, liefert dieses die nötige Menge an Strom – unabhängig vom Wetter. Möglich ist das, weil die Blockheizkraftwerke nur anspringen, solange Wind und Sonne nicht genügend Strom produzieren. Den Rest der Zeit stehen sie still.

Der Haken dabei: Wirtschaftlich ist das Projekt nicht darstellbar. Zumindest nicht mit den vier Blockheizkraftwerken, die die Salzburg Netz im Rahmen eines Forschungsprojektes zusammengeschaltet hat.

Wer trägt die Kosten?

Unbestritten: Der flächendeckende Aufbau von Smart Grids hat seinen Preis. Experten beziffern den Investitionsbedarf für Europa mit rund 390 Milliarden Euro bis 2030. Für Österreich ergeben sich damit Kosten von rund 6,3 Milliarden Euro. „Der Strom wird zunächst teurer werden“, erwartet Hubert Fechner, Smart Grids-Experte. Die Frage ist nur, für wen? Derzeit wird der Bau neuer Leitungen über die Netzgebühren finanziert, die in den Strompreis einfließen. Jeder Verbraucher, ob arm oder reich, wird also zur Kasse gebeten. Das könnte sich im Zeitalter von Smart Grids allerdings ändern. Dann könnten die Bürger, für deren Sonnenkollektor die Leitung verstärkt werden muss, einen höheren finanziellen Beitrag zum Ausbau leisten müssen. Mit intelligenten Stromnetzen stellt sich also auch die Verteilungsfrage neu.

Bockig oder begeistert.

In den eigenen vier Wänden können sich einige Bürger schon heute eine Vorstellung von der neuen Welt der intelligenten Netze machen. Wo sich früher die Metallscheiben der schwarzen Zähler drehten, hängen bei ihnen digitale Geräte. „Die Smart Meter erfassen den Stromverbrauch in Echtzeit“, sagt Walter Tenschert, Chef der Energie AG Oberösterreich Netz. Der Kunde hat jetzt also die Möglichkeit zu überprüfen, wo er gerade Strom verbraucht und folglich auch einsparen kann. Richtig interessant dürfte es aber erst werden, wenn die Energieversorger zurückfunken können. Sie würden den Verbrauchern dann beispielsweise mitteilen, dass der Strom gerade reichlich fließt, die intelligente Waschmaschine also anspringen und so vom günstigen Tarif profitieren kann. Da es zahlreiche elektrische Geräte gibt, die nicht sofort laufen müssen, könnte die stark fluktuierende erneuerbare Energie dann genutzt werden, wenn sie vorhanden ist, der Wind also weht oder die Sonne scheint.

Die Möglichkeiten des intelligenten Stromnetzes lassen sich also nur dann voll ausschöpfen, wenn auch die Geräte künftig mitdenken können. Kein Wunder also, dass die Industrie auf Hochtouren an neuen Produkten arbeitet, etwa Miele, die kürzlich die erste Smart-Grid-fähige Waschmaschine präsentierte.

Aber ist die smarte Netz-Welt wirklich so nah wie sie erscheint? „Die Politik weckt hohe Erwartungen“, sagt Tenschert. „Aber es ist die Frage, ob der Kunde das auch annimmt.“ Denn wer will schon für ein paar Cent Ersparnis, nachts vom Schleudern der Waschmaschine geweckt werden. Noch größer sind die Bedenken der Datenschützer. Sie befürchten, dass die Smart Meter nicht vor Hackerangriffen sichern seien.

E-Speicher.

Die Tiefgarage in Salzburg ist zumindest von einem automatischen Tor verschlossen. Hier sollen die Anwohner ab Ende Oktober ihre Elektro-Autos auftanken können. Dafür werden zwei Ladestationen installiert, die aber noch nicht besonders intelligent sind. Sie kennen nur einen Befehl und der heißt, „jetzt auftankten“. In einigen Jahren, so die Idee, soll sich die Tankstelle zentral steuern lassen. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Kunden. Sie könnten dann entscheiden, ob sie ihren Energieversorger das Auto dann auftanken lassen wollen, wenn der Strom besonders günstig ist. Aber die zentrale Steuerung ist auch noch aus einem anderen Grund vorteilhaft. Sie vermeidet neue Engpässe. Denn würden sehr viele Autos zur gleichen Zeit laden, könnte der Stromverbauch so stark hochschnellen, dass konventionelle Kraftwerke anspringen müssten.

E-Autos sind  nicht nur Stromfresser, sondern könnten auch als Speicher dienen. Dahinter steckt folgende Idee: Ist zu viel Strom ist Netz, könnten die Versorger diesen in den Autobatterien aufbewahren, um ihn bei Bedarf wieder entnehmen zu können. Aber auch das ist noch Zukunftsmusik, wie vieles in der Welt der intelligenten Stromnetze. Vanessa Voss

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