20.07.2010 07:06

Josef Taus

Ein Mann für viele Fälle

Was Josef Taus, 73, als Politiker versagt geblieben ist, hat er als Unternehmer geschafft: die Anerkennung, es mit seiner profitablen Industrie- und Handelsgruppe bis an die Spitze geschafft zu haben. Die Geschichte eines Aufstieges mit Umwegen und Rückschlägen. (Dieser Artikel der Jubiläumsserie 20 Jahre INDUSTRIEMAGAZIN erschien in der Ausgabe März 2006)

Josef Taus, Libro
© Industriemagazin

IM-Jubiläumsserie, Ausgabe März 2006: Ein Mann für alle Fälle

Den Samstagvormittag hat sich Josef Taus für ein sehr individuelles Hobby reserviert. Immer wieder einmal taucht der Geschäftsmann leger gekleidet in einer Libro-Filiale auf. Er fingert in CD Regalen, begutachtet das Buchangebot, stöbert durch Schreibutensilien und beobachtet das Verkaufsgeschehen. Das gelingt ihm manchmal unerkannt, manchmal wird er von zumeist älteren Mitarbeiterinnen erkannt. Dann beginnt Taus eine zwanglose Unterhaltung. Er erkundigt sich nach Artikeln, die fehlen, und nach Produkten, die drohen, zu Ladenhütern zu werden. Dann verlässt Taus das Geschäft – und zieht seine Schlüsse aus den eben gewonnenen Erkenntnissen: Klarsichthüllen A4 der Marke Libroline könnten in größerer Anzahl geliefert werden – und Bestsellerautor Dan Brown, den der belesene 73-Jährige nicht unbedingt zu seinen Lieblingsautoren zählen dürfte, ist schon wieder ausverkauft. Am kommenden Montag wird er persönlich dafür sorgen, dass Nachschub kommt.

 Diskreter Charme. „Das Handelsgeschäft ist etwas wirklich Schönes“, sagt Josef Taus und lehnt sich zurück. „Tagtäglich kommen tausende Menschen ins Geschäft, und wir haben es in der Hand, sie zufrieden zu stellen.“ Taus, der als Arbeitersohn im dritten Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen ist, verschränkt die Hände hinter seinem Kopf und blickt durch den Raum. Sein Büro versprüht den diskreten Charme eines Wohnzimmers in den 60er Jahren: helle Furniermöbel, Linoleumböden und ein großer Schreibtisch, auf dem Bücher, Skripten und Unterlagen fein säuberlich sortiert sind. „Ins Büro investiere ich nicht“, sagt der Unternehmer, „denn mit Büroluxus verdient man kein Geld.“ Mit der konsequenten Befolgung derartig kaufmännischer Grundsätze hat Josef Taus eine Unternehmensgruppe geschaffen, die ihresgleichen sucht. Aus der ersten Etage eines Gründerzeithauses im vierten Wiener Gemeindebezirk führt er einen für österreichische Verhältnisse riesigen Gemischtwarenladen:

 Neben dem Handelskonzern Libro (Umsatz 2004: 227 Millionen Euro, Mitarbeiter: 2050) gehört dazu etwa sein in der P&V-Holding gruppiertes Steckenpferd, die Herold Druck und Verlags AG (Umsatz 2004: 15 Millionen Euro, Mitarbeiter: 70). Seine Management Trust Holding AG (MTH) steuert den Sondermaschinenbauer Krause und Mauser (Umsatz 2004: 56 Millionen Euro, Mitarbeiter: 350) und den Hersteller von Zutrittskontrollsystemen Designa (Umsatz 2004: 55 Millionen Euro, Mitarbeiter: 341). Mit der Private-Equity-Gruppe IPO Beteiligungs-Management, die die Athena- Fonds managt, hält die Taussche MTH Anteile an unzähligen Industriebetrieben, etwa dem Voitsberger Röhren- und Pumpenwerk Bauer (Umsatz 2004: 40 Millionen Euro, Mitarbeiter: 230), dem Folientastaturhersteller Häusermann (Umsatz 2004: 16 Millionen Euro, Mitarbeiter: 116) oder etwa dem Starbucks-Mitbewerber Coffeeshop Company. Zwischen mit Buchenimitat beklebten Pressholzplatten und Linoleumböden geht Taus auch jener Tätigkeit nach, die ihn zuletzt in die Schlagzeilen brachte: Der Beratungstätigkeit für die Übernahmen der bulgarischen Handynetzbetreiber Mobtel und der serbischen Mobiltel. Der Mann, der hier entspannten Blickes in seinem Bürostuhl sitzt, hat, allen Rückschlägen zum Trotz, in den 25 Jahren als Unternehmer und Investor Industriegeschichte geschrieben.

 Die Niederlage. Es muss wohl der Moment seiner größten Niederlage gewesen sein. Noch am Wahlabend, kurz nach dem Fernsehauftritt, bei dem er, der Kanzlerkandidat der ÖVP der Nationalratswahlen 1979, dem zuvor deutlich angeschlagenen Bruno Kreisky zum Sieg gratulierte, ging Josef Taus auf Tauchstation. Der Mann, der nur vier Jahre zuvor widerwillig den Posten des ÖVP-Chefs annahm, kämpfte gegen Bruno Kreisky wie gegen Windmühlen – und wurde doch vom politischen Mainstream überrollt. Für mehrere Wochen war er selbst für Freunde nicht erreichbar. „Die Zeitungen spekulierten damals nicht gerade freundlich über seinen Verbleib und über seine weitere berufliche Karriere“, sagt Rudolf Gruber, ehemaliger EVN-General und langjähriger Wegbegleiter von Josef Taus.

 Welche, wenn nicht deutlich mindere berufliche Möglichkeiten sollten sich für jemanden auftun, der schon in den 60er Jahren als Staatssekretär der maroden Verstaatlichten eine wegweisende Struktur gab? Eine Struktur, die selbst unter der SPÖ-Alleinregierung unverändert blieb. Was konnte jemand erreichen, der als Vorstand der Girozentrale seinen beruflichen Zenit erreicht hatte – und als Politiker doch so grandios scheiterte?

 Tempomacher und Bremser. Tatsächlich führte nach der geschlagenen Nationalratswahl 1979 Taus ein Jobangebot für mehrere Wochen in die BRD. Auf Vermittlung von Rudolf Gruber, der im Aufsichtsrat des Verpackungskonzernes Constantia saß, kam es auch zu Gesprächen mit dem Industriellen Herbert Turnauer, dem Taus aus Zeiten seiner Vorstandstätigkeit in der Girozentrale noch in guter Erinnerung war. Turnauer benötigte einen fähigen Macher – und Taus stand der Sinn nach Betätigung weitab der damals auch in der Industrie niemals wirklich fernen Politik. Noch 1979 wurden Turnauer und Taus handelseins – Taus verpflichtete sich, vorerst befristet, die Geschicke des Verpackungsriesen zu lenken. Das Engagement von Taus sollte sich für Turnauer lohnen: In den kommenden zehn Jahren expandierte der Konzern dank Taus und seines Vorstandskollegen Manfred Leeb kräftig. Dividendenausschüttungen unter 20 Prozent waren zwischen 1980 und 1989 eine Seltenheit. Kapitalerhöhungen zur Finanzierung des raschen Wachstums des Verpackungsherstellers allerdings nicht. Für manche ging die Expansion in den 80er Jahren zu rasant. Ausgerechnet Herbert Liaunig, in den 80er Jahren Mitarbeiter von Taus, sagt: „Josef Taus hat bei unserer Arbeit immer aufs Tempo gedrängt, ich war eher als Bremser verschrieen, weil ich gesagt habe: Die Dinge müssen nicht nur beschlossen, sondern auch getan werden.“

Das Zerwürfnis. Schon Anfang der 80er Jahre dürften in Taus die Überlegungen gereift sein, die schlussendlich zur Trennung von Herbert Turnauer führten. „Ich war immer davon überzeugt, dass im Zusammenspiel von Banken und fähigen Managern marode Betriebe saniert werden können“, sagt Josef Taus. Der Plan des Mannes, der bis in die späten 80er Jahre als Wirtschaftssprecher für die ÖVP im Parlament saß: Banken sollten die Unternehmen, bei denen sie Not leidende Kredite aushaftend hatten, in Sondergesellschaften parken. Fähige Manager mit Minderheitsanteilen an diesen Sondergesellschaften könnten diese Unternehmen aufpäppeln und zu einem späteren Zeitpunkt an die Eigentümer zurückverkaufen oder in den eigenen Konzern integrieren. Mitte1988 war für Taus klar, dass er diese politischen Pläne für sich persönlich umsetzen will. Doch der um seine Nachfolge besorgte Industrielle Herbert Turnauer dürfte ihm Pläne, die Constantia zu verlassen, wohl auch als Illoyalität ausgelegt haben. „Ich habe einige der Reaktionen Herbert Turnauers damals nicht nachvollziehen können“, sagt Josef Taus. „Heute verstehe ich ihn weitaus besser.“ 

 

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