08.03.2010 10:44

KMU-Roboter

Auf Achse

Knickarmroboter verlassen ihr Stammrevier und matchen sich jetzt verstärkt mit dreiachsigen Linearsystemen. Beladen, Messen, Reinigen: Wo welches System die originellere Wahl ist.

Der Knickarmroboter ist in der Großserie angekommen. Doch es reicht ihm nicht, in dieser bequemen Bleibe zu logieren. Er will weiter die Marktanteile von Linearsystemen anknabbern – und ist dabei auf dem besten Weg: Betriebe legen jetzt ihre Vorbehalte gegen den stählernen Helfer ab. Waren Linearsysteme lange um die Hälfte günstiger, liegt der Kostenvorteil beim Neukauf „gerade noch bei einem Fünftel“, sagt Gerald Mies, Geschäftsführer Fanuc Robotics Deutschland (Linearsystem bis fünf Kilo: rund 16.000 Euro). Weitere Verdrängung ist für ihn nur eine Frage der Zeit. Zwar werde man mit Linearsystemen immer besser fahren, wenn man nur zwei Achsen nutzt. „Doch die Überschneidungen beginnen schon dort, wo eine dritte Achse ins Spiel kommt“, führt Mies aus. Martin Kohlmaier, Geschäftsbereichsleiter von ABB-Robotertechnik Österreich, sekundiert: „Wir spüren im Tagesgeschäft, dass der Knickarmroboter seine Akzeptanz ausbaut“. Lineartechnik-Freunde widersprechen dem Siegesrausch natürlich vehement: "Linearsysteme sind kein absterbender Ast", wehrt sich Sven Haferkorn, Verkaufsleiter für Systemlösungen bei Schunk. Wo also holt sich welches System die meisten Lorbeeren?

Drang zur Macht.
"Das Beladen von Drehmaschinen ist immer noch unser Butter- und Brot-Geschäft", berichtet Sven Haferkorn. Wo sich der sparwillige Maschinenbau in den siebziger Jahren nach Linearsystemen verzehrte, ist man mit seinen Lösungen immer noch dick da. Zwei elektrische Achsen, als dritte eine pneumatische Schwenkeinheit mit zwei Greifern – „so können von oben kostengünstig Teile in die Maschine eingeschwenkt werden", sagt Haferkorn. Und schnell: "Die Entnahmezeiten moderner Linearsysteme liegen bei einer Sekunde, der Knickarmroboter benötigt häufig dreimal so lange“, sagt Frank Konrad, Geschäftsführender Gesellschafter beim Automationsprofi Hahn Automation. Ihre Asse spielen Linearsysteme auch beim Messen aus: Messpunkte können schnell angefahren werden – und die Präzision (Linearsystem: hundertstel Millimeter, Knickarmroboter: zehntel Millimeter) passt, wenn die nötige Steifigkeit der Achsen vorhanden ist. Nicht weiter erstaunlich also, dass sich das Messen zur immer wichtigeren Domäne von Linearsystemen auswächst: "Gerade sicherheitsrelevante Bauteilserien im Fahrzeug- und Flugzeugbau prüft man immer öfter zu hundert Prozent", weiß Haferkorn.

Sechsachser für komplexe Aufgaben.
Das Feld behaupten können Linearsysteme auch beim Beschicken von Spritzgussmaschinen, streicht selbst die Konkurrenz hervor: "Alle Positionen sind definiert und ist das Linearsystem fix an der Maschine befestigt, klappt alles tadellos", sagt Mies. Probleme gebe es erst, stünde das Linearsystem „frei am Boden". Maschinenschwingungen würden die exakte Positionierung erschweren. "Der Roboter wird auch dann interessant, wenn nachgelagerte Prozesse wie das Prüfen und Bearbeiten hinzukommen", sagt Martin Kohlmaier von ABB. Druckgussanwendungen, wo man Kühlstationen oder Pressen im Schlepptau hat, sind ein Paradebeispiel. Automationsexperte Frank Konrad sieht es ähnlich: Wird die Komplexität hinten höher, sei man beim Knickarmroboter besser aufgehoben. „Der Roboter ist die sichere Lösung, wenn ein Projekt noch nicht definiert ist", sagt Gerald Mies. Auch der Knickarmroboter kennt aber Grenzen: Soll der Arbeitsbereich nur um fünf Zentimeter erweitert werden, steht ein Robotertausch an – „bei einem Linearsystem müsse man nur die X-Achse tauschen“, betont Schunk-Mann Sven Haferkorn.

Programmieraufwand höher.  
Bei häufig wechselnder Losgröße bietet der Knickarmroboter meist größere Freiheiten. Das Programmieren erfordert aber größere Routine – bewegen sich bei einer normalen Richtungsfahrt doch alle sechs Achsen miteinander. Das kann durchaus zum Prüfstein für Mitarbeiter werden. "Und nicht jeder Betrieb will seine Mitarbeiter in der Roboterprogrammierung ausbilden", weiß Martin Kohlmaier von ABB. Ähneln die Koordinatensysteme des Knickarmroboters dem ungeübten Auge auch einem verworrenen Fuchsbau: "Es gibt ganz wunderbare Hilfssysteme, mit denen jeder zurecht kommt", betont Gerald Mies.  

Roboter im Härtetest.  
Feine Unterschiede filtern die Roboterbauer indes beim Kapitel Schmutzresistenz heraus: "Wir haben das weltweit erste Schutzsystem entwickelt, das ohne aufwändige Schutzhülle mit Hitze, Nässe und Schmutz fertig wird", heißt es bei ABB. Der Roboter mit Polyurethanlackierung besteht aus nicht korrodierenden Teilen, speziell abgedichteten Achsen und arbeitet mit sperrluftbeaufschlagten Motoren – sie verhindern das Eindringen von Feuchtigkeit. Damit ist er – anders als die meisten Linearsysteme – auch für Hochdruckreinigungsprozesse in speziellen Reinigungsstationen geeignet. Wo ihm deshalb auch brüderliche Liebe entgegengebracht wird.

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