02.03.2010 12:16
Klaus Woltron
Der Kleinmut der Regierenden
Ob Asylwerberzentrum, Klimawandel oder Finanzmarktregulierung: Die Politik ist nicht in der Lage proaktiv Probleme zu lösen. Ein Kraut dagegen scheint nicht gewachsen.
Eine Verschiebung des Ostens nach Süden habe stattzufinden: Das ist die kreative Schlußfolgerung unserer beherzten Regierung angesichts des jüngsten Volksgemurres im Burgenland. Folgerichtig möge man bei der (bereits seit einem Dezennium andauernden) Suche nach einem weiteren Erstaufnahmezentrum für Asylwerber nunmehr von Vorne beginnen. Soweit ein hiesiges Musterbeispiel exemplarischer Entschlußkraft. In Kopenhagen hinwiederum beschlossen über hundert CO2 – wirksam eingeflogene Minister und Regierungschefs nach mehrtätigen Beratungen feierlich, daß man gegen den Klimawandel jetzt bald etwas tun wird müssen.
Hochrangige Expertengruppen in Tokyo und Washington stellten daraufhin alsbald fest, daß das Warten auf Ergebnisse der Anstrengungen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, bereits aussichtslos sei und man sich auf eine unvermeidliche Steigerung der globalen Temperatur um etwa 2 Grad einzustellen habe. Ein Strategiewandel von Mitigation (Vermeidung) hin zu Adaptation (Anpassung) wäre geboten, folgert man messerscharf: Höhere Dämme in Holland, Maßnahmen gegen Hangrutschungen im Thermofrost – Gebiet der Hochalpen, Absiedelung gefährdeter Inseln, Wildbach- Verbaue gegen zunehmende Unwetterschäden, kreative Wasserprojekte in gefährdeten Trockenzonen etc. Dies alles böte zweifellos auch große ökonomische Chancen - analog zum Boom der Autospengler nach Glatteistagen.
Die Liste dieser Hilflosigkeiten ließe sich endlos fortsetzen: Nicht erfolgtes Abstellen der Auswüchse der Spekulation, der Unverschämtheit der Zocker, der Internet – Kriminalität usw. Es zeigt sich eine zunehmende Unfähigkeit zur proaktiven Problemlösung. Hektoliter von Adrenalin verdampfend, gebären die ohrenbetäubend kreißenden Parlamente regelmäßig die sprichwörtlichen Mäuschen. Vorausschauend wird nur gehandelt, wenn zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht mit Schmerz und Entbehrung gerechnet werden muß. Aber auch dann geht´s oft daneben, wie das jüngste Beispiel der Riesenpleite mit Millionen zuviel eingekaufter Schweinegrippe – Impfampullen zeigt.
Die Gründe dafür sind leicht aufgezählt, ein Kraut dagegen allerdings scheint nicht gewachsen zu sein. Die Kausalkette beißt sich in den Schwanz bzw. der Schwanz peitscht das Gebiß. Der perfekte Teufelskreis, kybernetisch positives Feedback genannt, dreht sich wie folgt:
1. Prophylaxe ist immer mit Verzicht, oft auch mit Schmerz, verbunden (Zahnarzt).
2. Politiker, die diese empfehlen, werden nicht geliebt und alsbald abgewählt.
3. Folgerichtig drücken sich die Allermeisten um die richtigen Arzneien, verdrängen die rauhe Wirklichkeit.
4. Die schneller, entschlossener und professioneller agierenden Individuen außerhalb des politischen Systems befinden sich gegenüber den schwerfällig entscheidenden Figuren in der Politik zunehmend im Vorteil.
5. Aus diesem Grunde verstärkt sich der Zug ehrgeiziger junger Menschen von letzteren weg zu ersteren hin.
6. Damit wiederum schwinden Qualifikation und Macht jenes Instruments, welches man eingeführt hat, um die vielfältigen Konflikte in der Gesellschaft vorausschauend zu lösen: Die Demokratie gerät in die Defensive. Entschieden wird erst dann, wenn das Kind schon im Brunnen liegt; meist gibt's dann nichts mehr zu entscheiden.
7. Es wird ein Untersuchungsausschuß gegründet, um die Schuldigen zu finden.
8. Für weiteren Adrenalinausstoß und Füllung der Zeitungsspalten ist gesorgt.
9. Für die Zukunft bleibt noch weniger Zeit und Energie.
10. Das Spiel beginnt wieder von Vorne (siehe Punkt 1).
Transferiert man diese Logik auf, z.B., den Gesundheitsbereich, so könnte man Ärzte und Spitäler nach und nach abschaffen und sich auf Bestattungsinstitute spezialisieren. Allzu viele mögen, folgend dieser Einsicht, sodann schlußfolgern: „Rette sich, wer kann, und jeder erst einmal sich selbst“. Damit käme zum oben beschriebenen Teufelskreis ein weiterer, noch viel bedrohlicherer, hinzu. Vielleicht dreht er sich ja auch schon.
























