02.05.2011 09:18
Kommentar
Klaus Woltron: Der Durchmarsch der Gerissenen
Oder: Die Wiedergeburt des Faustrechts. Was der Diebstahl eines edlen Füllers durch einen Politiker mit der Impertinenz von Grasser, Strasser, Jarolim und Meinl zu tun hat.
Unlängst konnte man in YouTube einen Staatspräsidenten bei der Entwendung eines edlen Schreibgeräts beobachten. Hinterher beteuerte er bieder, das Mitnehmen von Geschenken sei eine Angewohnheit, der er bei Staatsbesuchen immer schon frönte. Diese seltsame Art Biederkeit hat Hochkonjunktur. Die Nebenbeschäftigungen von Abgeordneten, welche die ihnen anvertrauten Stimmrechte an den Meistbietenden verhökern, Durchdrücken von Anlaßgesetzen, um korrupte Staatsoberhäupter zu schützen, Freisprüche für Malversateure in Großbanken, die Milliarden von Spargeldern verdampften, Gauner im Internet: Der grauslichen Beispiele für die Zunahme asozialen, korrupten Verhaltens ist kein Ende.
Viele Fälle sind nur auf Grund ihrer Dimension öffentlich geworden. Die zahllosen kleinen Betrügereien und Impertinenzen - Sozialbetrug, Laden- und Autodiebstahl, Vandalismus, Verdreckung und Schmiererei, üble Nachrede und Verleumdung -verursachen in Summe ebenso großen Schaden wie die Vergehen der sogenannten Großen. Allerdings ist die Beispielswirkung großer Gauner eine doppelt negative: Die Leute sehen, was ihre Oberen so alles treiben und registrieren, dass die allermeisten auf Grund von Gesetzeslücken, schwacher Jurisprudenz oder noch üblerer Umstände nicht bestraft werden.
Eine gemeinsame Eigenschaft kennzeichnet alle Schurken, die ich in meiner beruflichen Laufbahn kennenlernte (einige ganz besonders Gerissene erfreuen sich, unertappt, noch heute großen Ansehens): Sie sind allesamt kolossale Lügner, agieren so dreist, dass man es nicht für möglich hält. Angesichts erdrückenden Augenscheins eine derartige Festigkeit beim Lügen, dabei ein offen-in-die-Augen- Schauen, eine zutiefst beleidigte Attitüde des zu Unrecht Verfolgten durchzuhalten – das ist bühnenreif. Es spielt dabei offensichtlich eine gehörige Portion mangelnden Unrechtsbewusstseins mit. Diesem Mangel und seinem um - sich – Greifen ist die Zunahme von Unterschleif, Betrug, Gewalt, schlampigem Umgang mit der Wahrheit etc. großteils zu verdanken.
Anstatt sich der obwaltenden hehren Kunst betulicher Symptombekämpfung und des Lamentos über die Verrottung der Politik zu befleißigen, ist es interessant, sich den Ursachen dieser Entwicklung zu widmen. Mit Hintennach – Gesetzen und Untersuchungsausschüssen wird’s nicht gehen. „Je weniger geschriebene Gesetze es gibt, und je allgemeiner und einfacher sie sind, desto besser sind sie. Je mehr Gesetze, desto mehr Streit, ...“ (Christian Thomasius, 1655-1728). Und der coole Publius Cornelius Tacitus (ca. 55 - 120) äußerte: „Im verdorbensten Staat gibt es die meisten Gesetze“.
Die zitierte Verderbnis beginnt schon bei den Kleinen. Die Lüge ist nicht mehr die große Sünde, als welche sie einmal galt. Kleine Diebereien werden als Lappalien abgetan, Pflichten viel weniger beachtet als Rechte. Lehrern und Erziehern tritt man mit wenig Respekt entgegen – viele von ihnen verdienen ihn auch nicht mehr. Diebstahl in der Schule ist alltäglich und bleibt meist ungeahndet. Die Idole Heranwachsender beobachtet man interessiert per TV und Facebook dabei, wie sie der Rauschgiftsucht, dem Suff und den damit verbundenen Unzukömmlichkeiten verfallen. Zwölfjährige verbringen mehrere Stunden des Tages damit, auf Bildschirmen schnell und unter großem Geknatter und Blutverlust möglichst viele Mitmenschen abzuknallen. Sie lernen von Kindheit an, dass der Gerissene, Brutale, Unanständige bedeutende Wettbewerbsvorteile hat, vorausgesetzt, man erlernt die hohe Kunst des sich – ich erwischen – Lassens: Eine neue Art des Faustrechts längst vergangener Tage.
In den Chat – Foren der Tageszeitungen werden unsäglich stumpfsinnige Dialoge ausgetragen und ungestraft untergriffige Unwahrheiten und Insulte verbreitet. Es gilt als Kavaliersdelikt, im Berufsleben schnoddrigere moralische Kriterien anzulegen als im privaten, und dem erfolgreichen Schlawiner, der sich nicht erwischen lässt, wird heimlich Hochachtung gezollt. All das beginnt im und bei Kleinen und wächst mit den Jahren mit. Mangelnde moralische Aufrüstung in der Kindheit und Schule sowie fehlende Sanktionen führen letztendlich zu Strasser und Co.
„Initiis obsta! Wehret den Anfängen“, sagten die heute schon zitierten alten Römer. Sie haben´s aber nicht durchgehalten: Man hält im Moment bei Silvius, dem letzten Volkstribun. Bei uns grassert´s, strassert´s, jarolimt´s und meinlt´s auch ganz schön. Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung- und: Gerichtet wird die Justizministerin.
























