11.10.2010 09:37

Kommentar

Klaus Woltron: Der Obrigkeiten neue Kleider

Von der bedenklichen Kunst, nackt durchs Volk zu reiten und bekleidet zu tun.

Klaus Woltron
© Industriemagazin

Die Political Correctness ist in die Jahre gekommen. Wie alles, was man übertreibt, geht sie, wie man bei uns am Land zu sagen pflegt, schon „ins Blöde über“.

Wir alle kennen das Märchen vom Kaiser, der von einem Betrüger überredet wurde, sich in Kleider zu hüllen, die  „von jenem  Zeuge genäht wären, das die wunderbare Eigenschaft besäße, für jeden Menschen unsichtbar zu sein, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei.“  Klar, dass des Kaisers neue Kleider dann auch wirklich unsichtbar waren, dies aber niemand zuzugeben wagte, als er nackt durch die Volksmenge ritt– auch er selbst nicht.

„So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. 'Aber er hat ja gar nichts an! ' sagte endlich ein kleines Kind. ' ...  Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“

Kaiser haben wir keinen mehr, aber – im übertragenen Sinne - nackt durch die Volksmenge zu reiten und so zu tun, als wäre man prächtig gewandet, ist eine um sich greifende Gepflogenheit  hoher Damen und Herren und ihrer Kammerherren.  Beispiele dafür gibt es übergenug: Die eifrige Beschwörung des Faszinosums „Forschungskoeefizient“ durch die zuständigen Minister, der erstens nie erreicht und zweitens eher irrelevant ist:  Für den Erfolg zählt das, was resultiert, und weniger das, was geblecht wird. Dann die beflissene Selbstgefälligkeit, mit der man den - zugegebenermaßen höchst querköpfigen - Mahner Thilo Sarrazin (das sprichwörtliche  kleine, naive  Kind ? ) ohne jede sachliche Diskussion verteufelt;  die augenfällige Heuchelei, wenn es darum geht, die Migranten - Politik  der jeweils anderen Länder vollmundig zu brandmarken (Hl.  St. Florian,  schon´ unser Haus, zünd´s andre an ..)  oder die leicht durchschaubare Argumentation betreffend die Verschiebung der Erstellung  unseres Budgets, die dazu dient, die schreckliche Katze nicht vor den Wahlen aus dem Sack lassen zu müssen. Vom selbstbetrügerischen Frohlocken über ein angeblich schon wiedergekehrtes Wirtschaftswunder angesichts weiter flammender Schulden- Vulkane sei erst gar nicht zu reden.  Den grandiosen Rest an Beispielen versage ich mir.  

Lesen Sie auf Seite 2: Warum Nietzsche an der heutigen Politik seine wahre Freude gehabt hätte.

Mehrseitiger Artikel
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