23.05.2011 08:34
Kommentar
Klaus Woltron: Die Adoleszenzkrise
Bevor ich der Gnade der Selbständigkeit teilhaftig wurde, diente ich zwei Konzernen. Besonders ersterer weist höchst bemerkenswerte Analogien zur Struktur der Europäischen Union auf.
Eine aufgeblähte, aber ohnmächtige Instanz dirigierte den ersten Konzern, der fast 15 Prozent der österreichischen Wortschöpfung bestimmte. Die Tochtergesellschaften der Holding waren allesamt Aktiengesellschaften mit eigenständigen Vorständen. Die allermeisten kratzten scharf am Rande einer verlustreichen Gestionierung hin, andere waren tief in den roten Zahlen, nur wenige erfreuten sich herzeigbarer Bilanzen. Auch diese aber lebten teils von verdeckten Quersubventionierungen und heimlichen Zu-schüssen. Die zentrale Führung konnte sich gegen die Häuptlinge der Tochterstämme nur selten durchsetzen. Die Holding widerspiegelte die Lage eines ohnmächtigen Königs, dessen Vasallen taten und ließen, wie es ihnen gefiel. Die Stärkeren verborgten ihre Kraft an die Schwachen, erhielten dafür nichts zurück als Undank und büßten damit an Terrain gegenüber der internationalen Konkurrenz ein. Die Chefs der Zentrale bemühten sich vergeblich um ein Weisungsrecht gegenüber den autonom agierenden Unternehmen, versuchten dann mit den beschränkten gesetzlichen Mitteln auszukommen, und - letztendlich erfolglos - einen börsengängigen Mischkonzern zu formen. Diesem Spiel sahen Politiker und Regierung teils untätig, teils als heimliche oder offene Mittäter zu. Sie ließen sich als Retter der Arbeitsplätze feiern, allerdings nur so lange, bis das ganze, immer wackeli-ger gewordene, System dröhnend zusammenkrachte.
Ein Vergleich mit der aktuellen Lage der EU liegt nahe, obgleich die Verhältnisse dort ungleich komplizierter sind. Großbanken halten grenzüberschreitend riesige Obligi, Pensionsfonds verwalten Anleihen quer über den Kontinent, alle zusammen versu-chen, ihre Risiken auf die Allgemeinheit als Bürge und Zahler abzuladen. Das System kommunizierender finanzieller Röhren ist ungleich verwickelter und undurchsichtiger als im zitierten Konzern. Sehr ähnlich aber sind die Verhältnisse, betrachtet man die Autorität der sogenannten Zentralgewalt. Ursprünglich als Bollwerk gemeinsamer Kraft und Strategie konzipiert, ist der Staatenbund zu einem kläglichen Kompromiss-verein verkommen. Kaum treten genau jene Herausforderungen auf, für welche das Konvolut geschaffen wurde - äußere Konflikte, Finanzkrisen, Migrationsströme –besinnen sich die einzelnen Länder sofort auf ihre individuellen Interessen. Die vollmundig beschworene geballte Macht zerbröselt noch vor ihrer Entfaltung.
Die EU ist (noch?) ein suboptimales Konstrukt. Sie muss sich zu einer der beiden sinnvollen Organisationsformen entschließen, die sich für eine Staatengemeinschaft empfehlen: Entweder sie ist ein Staatenbund, der solidarisch agieren will – dann müssen auch die Regeln für alle gleich gelten und (vor allem!) verbindlich und durchsetzbar sein, und zwar nicht erst im Nachhinein, wenn ein Malheur schon passiert ist. Das funktio-niert nur vermittels einer Art zentraler Regierung, die, subsidiär organisiert, die wich-tigsten Parameter des Zusammenhalts definiert und auch durchsetzt: Die Vereinigten Staaten von Europa. Oder sie versteht sich als Interessengemeinschaft mit beschränk-ter Haftung, als ein Verein. Dann bedarf es aber keiner gemeinsamen Währung oder Außenpolitik, weil beides im entscheidenden Falle nicht synchronisierbar ist, wie aktuelle Beispiele zeigen.
Wo man nichts anzuschaffen hat, ist kein Staat – und auch keine Union – zu machen. Man kann nicht ein bisschen schwanger sein, oder, wie wir in Niederösterreich sagen: Mit der Geiß kann man nicht ackern. Auch nicht in Brüssel.
























