22.03.2011 11:14

Kommentar

Klaus Woltron: Vom Elend der Zukunftsforscher

Keine der modischen Befürchtungen der 80er Jahre – von Waldsterben über die Vernichtung der europäischen Autoindustrie durch die Japaner bis hin zum Atomkrieg– sind jemals eingetreten. Was sagt uns das über unsere heutigen Ängste?

Klaus Woltron
© Industriemagazin

„Wir leben in einer hochvolatilen Zeit, vergleichbar mit einem Wildwasser. Den weiteren Weg eines an der Oberfläche treibenden Blattes vorherzusagen, ist nicht möglich.“

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sich der Horizont  etwas über Studium, Hausstandsgründung und beruflichen Start hinaus zu erhellen begann,  wurde ich  der damals aktuellen düsteren Prophezeiungen  gewahr:   Der drohenden neuen Eiszeit, des  unmittelbar bevorstehenden Waldsterbens, der dräuenden Vernichtung der europäischen Autoindustrie durch die Japaner, des Stummen Frühlings ohne alles Gezwitscher, der Massenarbeitslosigkeit durch die Stahlkrise, der Ausbreitung indischer Hungersnöte, der ewigen Gelben Gefahr, der alsbaldigen Verknappung des Erdöls, vollends der endgültigen Ausplünderung des Planeten. Und man las, mit gehörigem Gehirnkrampf, unter anderem auch Jaques Monod´s Werk von Zufall und Notwendigkeit , von der unbeantwortbaren Frage:  Unentrinnbares Kismet oder freier Wille?

Etliche der damals modischen Befürchtungen sind immer noch latent, einige völlig geschwunden, keine davon bis dato eingetreten - vielleicht auch wegen des Effekts selbstblockierender Prophezeiungen. Allerdings war eine ganze Reihe erheblicher Unzukömmlichkeiten zu beobachten, mit denen niemand - weder der Club of Rome und andere hochdotierte Think Tanks noch  die mittlerweile immer zahlreicher gewordenen professionellen Alarmisten  gerechnet hatten.  


Am 26. April 1986 flog der Reaktor in Tschernobyl in die Luft und läutete eine neue Ära im Umgang mit der Kernkraft ein.  Im Winter 1989  krachte innerhalb weniger Wochen der gesamte Ostblock zusammen, in Deutschland erfolgte die Sturzgeburt der Wiedervereinigung. Die Internet - Branche, die damals alle Herzen beamteter Propheten höher schlagen ließ, stürzte  2000  innerhalb weniger Wochen in den Orkus von Milliardenverlusten. Ein viel größeres  Fanal ereignete sich 2008 mit dem Zusammenbruch von Lehman Bros.  In der arabischen Welt entzündete sich  Innerhalb weniger Tage jüngst ein Flächenbrand, der das globale Gleichgewicht, mit unabsehbaren poli-tischen und wirtschaftlichen Folgen, durcheinander schüttelt. Keine dieser massiven Umwälzungen - und noch etliche andere - wurde von den modernen Pythien vo-rausgesehen.

Wir leben in einer hochvolatilen Zeit, vergleichbar mit einem Wildwasser. Während man,  am Rand eines ruhig dahinfließenden Gewässers wandelnd, den weiteren Weg eines an der Oberfläche treibenden Blattes recht genau vorhersagen kann, ist dies bei einem schäumenden Wildbach nicht möglich. Man vermag zwar den geographischen Verlauf des Gewässers, den auch Hochwasser und Dürre nur wenig än-dern, zu verstehen, nicht aber vorherzusagen, was sich im Flussbett im Detail  selbst abspielt. So ähnlich - wenn sie aufrichtig wären - müssten Zukunftsforscher an den zu erwartenden Lauf der Welt herangehen.

Da gibt es einige Trends, die gesichert sind: Die Zahl der Menschen explodiert, die Vorräte sind endlich, die Atmosphäre und der Boden nicht unbegrenzt belastbar. Die Menschen sind im Grunde egoistisch, lassen sich in der Jugend fast fix programmieren, teilen ungern und neigen zu irrationalem Verhalten, insbesondere in der Masse. An die Spitze der Macht drängen insbesondere jene, die eigene Interessen verfolgen, die allermeisten davon haben einen Knacks oder kriegen ihn dort.

Innerhalb dieser langfristig gesicherten Ufer schäumt der Wildbach des Geschehens völlig unvorhersehbar dahin, alle detaillierteren Prophezeiungen sind lediglich Plan-spiele mit geringer Realisierungswahrscheinlichkeit zum gedanklichen Üben, Schach. Was dann wirklich passiert, ist unvorhersehbar, folgt den (nicht durchschaubaren) Gesetzen des Zufalls in einer von unzählbaren Kräften durchgeschüttelten Welt.  Um im Gleichnis zu bleiben: Das Wichtigste, was der Kajakfahrer im Wildwasser können muss, ist die Eskimorolle. Die erste Hälfte kann jeder, die zweite ist schon wesentlich schwieriger. Übertragen auf unser Thema - das Bestehen einer unvorhersehbaren Zukunft - bedeutet dies, dass sich jeder dafür rüsten sollte, in schwierigen und ü-berraschenden neuen Situationen zu bestehen, die Nerven nicht zu verlieren und immer wieder neu beginnen zu können.

Diese Devise würde ich den geschätzten Ministerinnen Dr. Karl und Dr. Schmied gerne ins Klassenbuch schreiben- wenn man mich ließe. Auch in diverse Parteiprogramme und niedliche Traumbücher sogenannter Gutmenschen und Berufs - Weltverbesserer sollte man einen Eintrag machen, unter der auf den Kopf gestellten Devise Mephistos: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute  will und (oft) das Übel  schafft“.

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