08.09.2010 10:18

MASCHINENBAU

Wie bewältigen Sie die Auftragsflut, Herr Fill?

Von Minus 50 zu Plus 20 Prozent in weniger als 12 Monaten: Verrückte Auftragsschwankungen rissen tiefe Löcher in die Personaldecke der Industrie. Seit Jahresbeginn jubelt man über Rekordauftragseingänge – von deren Nachhaltigkeit aber nicht alle überzeugt sind. Mit welchen Personalstrategien bewältigen Unternehmer die volatile Auslastungssituation? Vier Unternehmen mit unterschiedlichen Konzepten.

Fill
© Waldner

Andreas Fill, Geschäftsführer des Maschinenbauers Fill setzt auf Outsourcing statt Zeitarbeit: In Spitzenzeiten wird massiv an externe Partnerfirmen vergeben.

Der „runde Tisch“ ließ die Salzburger noch nie in der Luft hängen. „Gemeinsam mit dem Einkauf, der Fertigung, der Montage und dem Vertrieb planen wir so die nächsten zwölf Monate“, erzählt Palfinger-CEO Herbert Ortner. Die nächsten drei sogar detailliert. Ende 2008, als die Prognosen beim Kranhersteller immer häufiger mit warnenden Attributen versehen waren, änderte Ortner dann die Spielregeln des monatlichen Jour fixe. „Wir setzten uns ab sofort alle zwei Wochen zusammen“, sagt Ortner. Das dramatische Einbrechen des Marktes konnte so freilich auch nicht verhindert werden. 2009 lag die Kapazitätsauslastung der Salzburger nur mehr bei 50 Prozent. An den österreichischen Standorten trennte sich das Unternehmen von 210 Leiharbeitern und 90 Fixbeschäftigten. Bis im heurigen Frühjahr unerwartet das Pendel zurückschlug: Plötzlich hatte der Maschinenbauer wieder Aufträge in der Pipeline. „Wir mussten den Output auf Knopfdruck um 30 Prozent hochfahren“, erinnert sich Ortner. Das bewältigte der Konzern ganz ohne Aufnahme von neuem Leasingpersonal: „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Kurzarbeit schon so weit beendet, dass wir an unserer Substanz zehren konnten“, so Ortner.  

Konzepte für Nachfrageschwankungen.

Die Auftragsflut im krisengeschüttelten Maschinenbau riss auch im heurigen Sommer nicht ab. In Deutschland stiegen die Bestellungen gegenüber dem Vorjahresmonat im Juni real um 62 Prozent, meldete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Der Auftragsmotor laufe “wieder auf Hochtouren“, bestätigt auch Wilfried Schäfer vom Verband Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken. Vom Tiefstand 2009 (65,9 Prozent) sei die Kapazitätsauslastung auf 76,3 Prozent geklettert. Hinzu kommen deutlich positive Halbjahreszahlen vieler Maschinenbauer. „Die Auslastung der Betriebe ist aber nicht optimal“, warnt VDMA-Chefvolkswirt Olaf Wortmann. Deshalb steht auch der Palfinger-Boss, der für heuer an ein Umsatzplus von 15 Prozent glaubt, personalmäßig auf der Bremse. „Dass Risiko eines neuerlichen Crashs stufen wir derzeit als groß ein“, meint Ortner. Was können Betriebe also tun, um die Auftragsflut zu bewältigen? Wer stellt ein, wer holt Leasingpersonal zurück ins Ensemble? Eine Daumenregel sagt: Um optimal auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können, sollte ein Drittel der Mitarbeiter flexibles Personal sein. INDUSTRIEMAGAZIN sah sich vier völlig unterschiedliche Personalstrategien von Maschinenbaubetrieben an – mit teils überraschenden Ergebnissen.

Andreas Fill,  Fill GmbH:  
Flexibel über die Fertigungstiefe
Der oberösterreichische Sondermaschinenbauer setzt auf Outsourcing statt Leiharbeit.


Schon Mitte 2008 sah Andreas Fill, Eigentümer des gleichnamigen oberösterreichischen Sondermaschinenbauers, voraus, dass die nächsten Monate ein hartes Stück Arbeit werden sollten. „Die Entscheidungsprozesse unserer Kunden begannen, sich in die Länge zu ziehen, Anfragen im Automotive-Segment wurden plötzlich weniger konkret“, erinnert sich Fill. Was es in der 44-jährigen Firmengeschichte noch nicht gab, wurde 2009 plötzlich knallharte Realität: Alle Segmente des 420-Mann-Unternehmens gingen im Schnitt um 20 Prozent zurück. Von November 2009 bis April 2010 – der hohe Auftragsbestand war bereits abgearbeitet – ging die Auslastung dann weiter stark zurück. Der Betrieb baute Überstunden ab, setzte ein Freistellungsrad in Gang. Für sechs Wochen wurde ein Teil der 150 Mitarbeiter starken Fertigung freigestellt. Das Ziel, jahrelang ausgebildete Leute auch in schwierigen Zeiten zu halten, „wurde damit erreicht“, sagt Fill. Seit Mai 2010 ist die Belegschaft wieder komplett. „Im Frühjahr begann sich das Rad plötzlich wieder sehr, sehr schnell zu drehen“, sagt Fill, der jetzt jeden Mann brauchen kann. Die Automobil- und Holzbearbeitungsindustrie zeigten Erholungstendenzen. Derzeit verliert der Betrieb Aufträge, „wenn wir nicht bis Ende des Jahres liefern können“, so der Manager. Deshalb häufte der Betrieb, der sich auch für heuer ein positives Ergebnis zum Ziel gesetzt hat, zuletzt wieder Überstunden an. Bei noch im Frühling verordneten Urlauben machte das Management einen Rückzieher: „Wir baten die Belegschaft, wieder eine Woche zu streichen“, erzählt Fill.
Personalengpässe in Spitzenzeiten überwinden die Oberösterreicher massiv mit Vergaben an externe Partnerfirmen.

Outsourcing.
Das war auch von Vorteil, als die Auftragsbestände rapide schwanden. 2009 gab der Betrieb keine einzige Schweiß- und Montagearbeit außer Haus und lastete seine Fertigung besser aus. „Heuer werden es wieder mehrere tausend Stunden sein, die wir nach außen geben“, sagt der Fill-Geschäftsführer. Leasingpersonal ist im oberösterreichischen Betrieb die Ausnahme. Man sei kein Betrieb, der permanent 30, 40 Leihkräfte beschäftige. „Unser Projektgeschäft erfordert Fachkenntnisse, die man am Leiharbeitermarkt nur bedingt findet“, sagt Fill. Nur in den ersten beiden Augustwochen waren – wie jeden Sommer – Leiharbeiter im Haus. Fill: „Sind alle unsere Kunden und Partner auf Urlaub, helfen sie bei der Servicierung der Anlagen aus“. Leiharbeiter könnten im Unternehmen “zu Unruhe führen”, sagt Daniel Palm, Leiter Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement Fraunhofer Austria. Er spricht das soziale Spannungsfeld an, das sich etwa aus unterschiedlichen Entlohnmodellen ergebe. Mit Firmen, die zuarbeiten, “vermeidet man eine Zweiklassengesellschaft im eigenen Betrieb“, sieht Palm einen Vorteil bei klassischen Kunden-Lieferanten-Beziehungen.
Andreas Fill sieht sich mit der Fertigungstiefe seines Betriebs im Aufschwung auch aus einem zweiten Grund im Vorteil: „Gibt es beispielsweise kurzfristige Personalengpässe beim Schweißen, können wir Mitarbeiter aus der Montage dorthin verlagern“, argumentiert Fill stichhaltig. Seiner Linie bleibe man auch jetzt im Aufschwung treu. Der Betrieb will im Bereich Erneuerbare Energien wachsen. In der ersten Augustwoche stellte Fill sechs Konstrukteure ein. „Ich kann aus Angst vor der nächsten Krise nicht aufs Personal verzichten“, sagt Fill. Trotzdem blickt er mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: Da gebe es zwar Mitbewerber, die vom Markt verschwinden oder Finanzierungsnöte haben. Zugleich aber auch viele Seifenblasen, „von der eine platzen könnte“, so Fill.

Lesen Sie auf Seite 2: Alfred Hutterer, Trumpf: Leihkräfte als Personalreserve

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