31.05.2010 13:46
Meinung
Klaus Woltron: Das Weltkasino
Aktien sind zu den Jetons in einem gigantischen Casino geworden. Wie konnte die Grundidee der Börse so ad absurdum geführt werden?
„Der 6. Mai 2010 geht in die Annalen des Börsenhandels ein. Innerhalb weniger Minuten gab der Dow Jones Industrial Average knapp 1000 Punkte ab - um dann wieder in die Höhe zu schnellen. Das war der zwischenzeitlich größte Verlust innerhalb eines Tages.“ (Financial Times online, 11.05.2010).
Einer, der sein Arbeitsleben mit Krampen und Schaufel, später mit Mikroskop und Rechenschieber, dann als bemühter Dirigent der Zusammenarbeit von Menschen hingebracht hat, steht diesem Treiben mit höchster Abscheu gegenüber. Dass man mit dem blitzartigen Hin – und Herschieben virtueller Werte in kürzester Zeit das Schicksal ganzer Volkswirtschaften beeinflussen kann, ist ein Phänomen, das jeder Mensch, der sich seinen Unterhalt mit sogenannter ehrlicher Arbeit verdient, zutiefst ablehnen muss. Es erhebt sich die Frage, warum es - einerseits - verboten ist, einen Geldbriefträger um seine Fracht zu erleichtern, eine Bank aufzubohren oder den Opferstock in der Kirche aufzubrechen, andererseits aber, mit Billigung höchster Kreise, Einzelnen zu märchenhaftem Reichtum zu verhelfen und tausende Menschen um ihren Arbeitsplatz zu bringen. Aktien sind zu Jetons in einem gigantischen Casino geworden. Was ist da unfassbar aus dem Ruder gelaufen?
Zum ersten wurde es, aufgrund der stufenweisen Entfernung vom Goldstandard, möglich, dass jede Bank durch Vergabe von Krediten die kursierende Geldmenge erheblich vergrößern kann. Werden Kredite an Private uneinbringlich, ist es in erster Linie ein Problem der Bank. Anders liegen die Dinge, wenn Staaten über ihre Verhältnisse leben und ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Dann springt die Allgemeinheit ein und verteilt die vorher einseitig konsumierten, auf Schulden gebauten Benefizien als gleichmäßige Lasten auf alle. Dies kann durch Währungsreformen, Inflation oder auch staatliche Teil - Insolvenz abgefeiert werden.
Zum Zweiten – und das ist einzigartig in der Wirtschaftsgeschichte – pervertiert zurzeit das System der Hingabe von Privatkapital in Form von Aktien. Ursprünglich war das gegen Anteilsscheine zur Verfügung gestellte Kapital ein nützliches Instrument zur Förderung aussichtsreicher Projekte und Unternehmen und verblieb lange dort. Als der Handel mit Aktien an Intensität zunahm und Börsen (Amsterdam, 1531) gegründet wurden, war der Keim zu den ersten großen Unstabilitäten im Finanzsystem gelegt. Beginnend mit der Tulpenmanie 1637 über die diversen Schwarzen Freitage bis herauf zu den in den letzten Tagen stattfindenden Angriffen auf die knieweichen PIGS - Eurostaaten im Süden wurden die Schocks immer größer.
























