19.05.2011 08:29
Nutzfahrzeug-Allianz
Paarlauf von VW und MAN
Am Rande des Wiener Motorensymposiums wurden die letzten Hindernisse für den Ausbau der LKW-Allianz Volkswagen und MAN aus dem Weg geräumt. Die europäische Nutzfahrzeugbranche steht vor großen Umbrüchen.
Die Gemütslage von VW-Chef Martin Winterkorn war sichtlich aufgeräumt, als er sich Anfang Mai in Wien beim 32. Motorensymposium präsentierte. Inmitten der Prunkräume der Wiener Hofburg und der Hundertschaften an Autotechnikern fühlte sich der ehemalige F&E-Vorstand und Qualitätssicherer erkennbar wohl. Mit zur guten Laune trug auch das Small Talk mit MAN-Vorstandschef Georg Pachta-Reyhofen bei, der gemeinsam mit ihm und Siegfried Wolf, seit Herbst Lenker der russischen Auto- und Maschinenbaugruppe Russian Machines, die Schlusssequenz des alljährlichen Branchentreffs bestritt. Unter den Zuhörern: VW- und MAN-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der sich ohne das übliche Begrüßungsstakkato ins Plenum geschmuggelt hatte. Piech und Winterkorn hatten das renommierte Expertensymposiums genutzt, um eine ins Schlingern gekommene Strategie wieder auf Kurs zu bringen: den Aufbau eines VW-dominierten Gegenpols zum LKW-Branchenführer Daimler.
Eine Milliarde Euro auf dem Spiel.
MAN und der schwedische Hersteller Scania - VW hält auch dort 29,3 Prozent am Kapital sowie 71,8 Prozent der Stimmrechte – sollen nach dem Willen von Winterkorn und Piëch enger kooperieren als den Machern in München und in dem schwedischen Södertälje bislang genehm war. Die beiden LKW-Hersteller pflegen trotz der gemeinsamen VW-Beteiligung ein Verhältnis der innigen Abneigung, das der Beziehung von BMW zu Mercedes gleichgestellt wird.
Vor allem der mittlerweile 74jährige Ferdinand Piëch hat mehrmals betont, die Allianz VW-MAN-Scania endlich voran treiben zu wollen. Der „Godfather“ der europäischen Autowirtschaft will endlich Kosten sparen. Die Entwicklung der in diesen Monaten erstmals eingeführten und ab 2013 verpflichtenden Motorengeneration Euro 6 hat pro Hersteller rund eine Milliarde Euro verschlungen. Branchenprimus Daimler kann die Entwicklungskosten auf seine drei Hauptmarken Mercedes-Benz (Europa, Südamerika), Freightliner (USA) und Fuso (Asien) umlegen. Scania und MAN haben beide ihre Euro-6-Aggregate völlig unabhängig entwickelt.
Die Ergebnisse des finalen Austausches der VW-Masterminds mit dem ehemaligen Mitglied der österreichischen Fecht-Nationalmannschaft Pachta waren drei Tage nach dem Wiener Auftritt auf allen deutschsprachigen Wirtschaftsseiten zu lesen: Die Wolfsburger verkündeten die Erhöhung ihrer MAN-Anteile von 29 auf 31 Prozent und ein Übernahmeangebot an alle weiteren MAN-Aktionäre. Zwischen 35 und 40 Prozent des Münchner LKW-Konzerns sollen am Ende des Tages unter Kontrolle von VW stehen, meinte VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch nach Bekanntgabe des Deals. Wien hatte seinem Nimbus als neutraler Verhandlungsort wieder alle Ehre gemacht.
Für Österreich sind die VW-Pläne für eine LKW-Allianz von direkter Bedeutung: MAN betreibt in Wien und Steyr zwei Werke mit insgesamt tausend Mitarbeitern. Die für den LKW-Sektor besonders dramatische Wirtschaftskrise – MAN verzeichnete 2009 einen Auftragseinbrauch von 55 Prozent – kostete in Österreich 300 Jobs. Pachta, Sproß einer Grafenfamilie und Schlossherr von Grünbühel im niederösterreichischen Kilb, sieht in einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“ keinen Anlass für Abwanderungsgerüchte: „Wir sind auf dem Weg zur Erholung“. Das Werk Steyr, das mittelschwere und leichte Lkw herstellt, ist im „Krisenjahr 2009 auf 12.600 Fahrzeuge zurückgefallen. 2010 waren es schon wieder 15.700 Lkw und im ersten Quartal 2011 bereits 5500 Fahrzeuge.“ Und das Werk Wien erwarte als Hersteller von Sonderfahrzeugen seit dem Joint Venture mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall weitere Großaufträge. Der Gruppenumsatz der 2010 gegründeten Rheinmetall MAN Military Vehicles GmbH wird laut Budget von 700 Millionen auf eine Milliarde Euro gepuscht.
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