12.07.2010 10:39

Uni-Professoren

Die Gründerprofs

Sie sind Koryphäen in ihrem Fach und haben auf akademischem Gebiet eigentlich alles erreicht. Vielleicht suchen sie gerade deshalb den wirtschaftlichen Wettbewerb: Die stetig steigende Anzahl von Uni-Professoren in der heimischen Wirtschaft. Was bewegt die Lehrstuhlinhaber auf den Markt? (Dieser Artikel der Jubiläumsserie 20 Jahre INDUSTRIEMAGAZIN erschien in der Ausgabe vom Dezember 2005.)

Jubiläum, Gründer; Uni; Professor
© Industriemagazin

IM-Jubiläumsserie, Ausgabe Dezember 2005: Die Gründerprofs

 

Ein Dienstag gegen Ende November. Es ist 11 Uhr vormittags. Der erste Schnee hat Leoben in eine weiße Zuckerwelt verwandelt. Klirrende Kälte in den Straßen, doch die Montanuniversität ist gut beheizt. Im zweiten Stock des Erdölgebäudes öffnet sich eine Tür. Heraus tritt ein junger Student. Ziemlich hektisch verabschiedet er sich von dem grauhaarigen Professor und eilt der Stiege zu. Zoltan Heinemann sieht ihm mahnend nach, bis der Eleve seinem Blickfeld entschwunden ist. „Also berühmt war das nicht“, sagt Heinemann missbilligend mit ungarischem Akzent. „Nur ein Vierer ist es geworden.“ Jeden Dienstagvormittag nimmt der 66Jährige Prüfungen ab. Eigentlich ist er ja emeritiert, doch sein Büro vermittelt einen anderen Eindruck. Drei flimmernde Computerbildschirme, jede Menge aufgeschlagener Bücher auf dem Schreibtisch sowie die durchgesessene Ledergarnitur auf dem eleganten Parkettboden verraten den Arbeitsplatz eines hoch beschäftigten Menschen.

 Die Gründerprofs. Zoltan Heinemann ist Vertreter einer seltenen Spezies. Der gebürtige  Ungar ist einer jener Universitätsprofessoren, die auch abseits des Audimax ihre Befähigung demonstrieren. Jene, die nach Bestätigung und letztlich auch nach Mehreinnahmen außerhalb der hehren Hallen akademischen Ruhmes suchen. Die Wirklichkeit der Wirtschaft, der Alltag wettbewerblichen Kampfes um Erfolg hat sie gepackt. Die Gründung oder zumindest Mitgründung eines eigenen Unternehmens ist deshalb zu einem Teil ihres beruflichen Wirkens geworden. Professoren als Firmengründer: INDUSTRIEMAGAZIN porträtiert acht Professoren, deren Name sich auch im Firmenbuch befinden. Wodurch zeichnen sich die Gründerprofs aus? Und auf welchen Märkten sind sie erfolgreich?

 Erste Firma im Sand. Zoltan Heinemann ist eine Institution in Leoben, seine akademischen Titel erfordern eine extrabreite Visitenkarte: „O. Univ.Prof. Dipl.Ing. Dipl.Ing. Ing. Dr. mont. Dr. h. c“. Doch auch abseits akademischer Pfade ist er kein Unbekannter in der oberösterreichischen Gemeinde. Ein kurzer Gang über den Hauptplatz kann da leicht zum Fließbandgrüßen nötigen. Auch im Stilgasthaus kennt man ihn. Als der Kellner sieht, dass Stammgast Heinemann in Gesellschaft kommt, fragt er sofort, ob eine Speisekarte auf Englisch vonnöten sei. Das kommt häufig vor, denn ausländischer Besuch ist keine Seltenheit. Heinemann kennt so ziemlich alles und jeden von Rang und Namen im lukrativsten Geschäft der Welt, der Erdölbranche. Und die kennt ihn und kommt ihn auch entsprechend oft besuchen. Immerhin zählen Heinemanns Absolventen zu den gefragtesten Fachkräften der Petroleumwirtschaft, hohe Einstiegsgehälter sind eine Selbstverständlichkeit. Außerdem gilt der radebrechende Rotarier als anerkannter Experte auf dem Gebiet der Reservoirsimulation. Die ist unentbehrliches Hilfsmittel für Förderunternehmen, denn ohne fundierte Risikoabschätzung wird der Bohrer gar nicht erst angeworfen. Mithilfe von Simulationssoftware lässt sich die optimale Bohrstrategie finden. Ende der Achtziger gründete Heinemann mit zwei seiner Assistenten die Firma HOT (Heinemann Oil Technologies), die das heute weltweit verwendete Simulationsprogramm Sure entwickelte. „Das Geschäft lief gut“, erinnert sich Heinemann zurück. „Wir dachten damals, jetzt erobern wir die Welt.“ Doch dann stieg der Geschäftsführer aus, die Firma machte Pleite und Heinemann musste verkaufen.

 Vorstand abgegeben. Gemeinsam mit seinem Sohn Gabor versuchte Heinemann Anfang 2004 den zweiten Anlauf und gründete die Firma HOL (Heinemann Oil Leoben). Ihr Produkt: präzise Expertisen, wie man ein gefundenes Öloder Gasreservoir optimal ausbeutet. Dabei bedient sich das Expertenteam modernster Software sowie Heinemanns reichem Erfahrungsschatz. Die 12 Mitarbeiter setzen derzeit eine Million Euro um, doch das Geschäft fängt ja erst an. „Realistisch sind 4 Millionen Euro Umsatz bei 20 Prozent   Profit“, sagt Geschäftsführer Gabor Heinemann. „Mehr ist bei reiner Beratungstätigkeit nicht drin.“ Um eben doch mehr zu verdienen, ist HOL auch schon an der Förderung eines amerikanischen Erdgasfeldes beteiligt. Als Konsortiumsmitglied bringen die Leobener dabei auch ihre Kompetenzen um den lukrativsten Förderungsablauf mit ein. Seine akademische Tätigkeit vernachlässigt Heinemann dabei keineswegs. Zwar übergab er seine Position als Vorstand des Instituts für Erdölund Erdgasgewinnung 2003 an Brigitte Weinhardt, die damit als erste Frau in einer solchen Position in die Annalen der Universität einging. Doch nur weil ihm das neue Universitätsgesetz zu viele administrative Verpflichtungen auferlegt hatte. Nach wie vor ist er das faktische Oberhaupt seines Instituts, empfängt Besucher großer Ölfirmen und betreut Diplomarbeiten und Dissertationen. In den 28 Jahren seines Leobener Schaffens stampfte Heinemann eines der weltweit anerkanntesten Universitätsinstitute in Sachen Fundortsimulation aus dem Boden.

 Eliteforscher in Linz. Auch Professor Niyazi Serdar Sariciftci ist es gelungen, ein universitäres Institut von Weltrang aufzubauen – wie übrigens fast allen erfolgreichen Gründerprofs. Wie Heinemann hat auch Sariciftci seinen Arbeitsplatz zum Zentrum eines Wirkungskreises globaler Bedeutung gemacht. An der Linzer JohannesKeplerUniversität Beschäftigt er sich allerdings nicht mit schwarzem Gold, sondern der goldenen Sonne und den Möglichkeiten, diese energetisch zu nutzen. Solarzellen aus organischen Materialien sind sein Gebiet, oder allgemeiner organische Halbleiter. „Halbleiter sind die die wichtigste technologische Errungenschaft des letzten Jahrhunderts“, sagt Sariciftci. „Alles, was wir heute IT nennen, beruht darauf.“ Herkömmlich werden die fundamentalen Elektrobauteile aus Silizium gefertigt. Sariciftci war Teil einer Forschungsgruppe an der kalifornischen Universität von Santa Barbara, der es als Erster gelungen ist, nachzuweisen, dass Halbleiter auf Polymerbasis synthetisch herstellbar sind. Gruppenleiter Alan Heeger bekam für diese Entdeckung 2000 forschen & wissen den Nobelpreis verliehen. Die Freude war groß, als Sariciftcis Freund, Kollege und Lehrer zwei Jahre später für einen Vortrag zu Besuch nach Linz kam. Als Leiter des Instituts für organische Solarzellen trimmte Sariciftci seine amerikanischen Forschungen in Richtung Serienreife. Weil große Firmen erst einmal nicht interessiert waren, gründete er mit Unterstützung der ChristianDopplerGesellschaft und des Vorstandsdirektors der Linzer Stadtwerke, Erhard Glötzl, die Firma Quantum Solar Energy Linz (QESL). Geplant war, die Firma einmal in die Hände eines finanzstarken Technologieunternehmens zu legen. Fünf Jahre später konnte mit der amerikanischen Konarka ein solches gefunden werden. Nächstes Jahr soll die Produktionsanlage gebaut werden, ein Jahr später die Produktion anlaufen. Wo genau, ist noch nicht klar, aber wahrscheinlich in Deutschland. 

 

Artikel kommentieren
Die Summe aus 6 + 3: