26.09.2011 11:17

Urban Mining

Voestalpine-Vorstand Wolfgang Lakata: "Mehr Recycling-Stahl wäre energetischer Humbug"

Die voestalpine investiert öffentlichkeitswirksam ins Recycling und einen neuen Schrottplatz auf dem Linzer Hafen. Dabei ist verfahrenstechnisch beim Hochqualitätshersteller die maximale Recyclingquote längst erreicht.

Kurt Kölbl ist Herr über mehr als 33.000 Tonnen Schrott auf dem Werksgelände der voestalpine in Linz. Er sorgt dafür, dass in jeden der drei 170-Tonnen-Konverter ein gutes Viertel Altstahl kommt, bevor das Roheisen eingefüllt wird. Auf dem vier Fußballfelder großen Platz liegen von geschredderten Stahlblechdosen bis zu in Stücke geschnittenen Brammen aus der eigenen Produktion Schrottteile verschiedenster Herkunft und Qualität. Angeliefert wird der Großteil des Schrotts, der in den Linzer Konvertern landet, von Scholz Austria, einem Joint Venture der voestalpine mit dem deutschen Familienkonzern Scholz, dem größten europäischen Sekundärmetallverwerter. 600.000 Tonnen Schrott liefert Scholz jedes Jahr an den Linzer voestalpine-Standort.

Und es sollen noch mehr werden: Auf dem Gelände des Linzer Hafens baut das Gemeinschaftsunternehmen gerade einen 20.000 Quadratmeter großen neuen Schrottplatz für den Stahlkonzern. „Wir investieren mehr als zehn Millionen Euro“, sagt Geschäftsführer Manfred Födinger. Dafür wird hier unter anderem eine Schere vor allem für Langschrott aus dem Voest-Werk installiert, die eine Jahreskapazität von 120.000 Tonnen haben soll. Eröffnet wird die neue Anlage im Sommer 2012. Bei einem Schrottpreis von derzeit rund 330 Euro pro Tonnen ein einträgliches Geschäft. An 16 österreichischen Standorten setzte Scholz Austria zuletzt bei einer Verkaufstonnage von 1,1 Millionen Tonnen Schrott 380 Millionen Euro um. Diese Wendewirtschaft erspart Österreich etwa 1,3 Millionen Tonnen CO2- Emissionen pro Jahr. 
Verfahrenstechnisch hat die voestalpine Stahl beim Einsatz von Sekundärrohstoff allerdings das Ende der Fahnenstange erreicht. 23 Prozent der 5,5 Millionen Tonnen Jahresproduktion sind wiederverwertet. Im heimischen LD-Konverterverfahren lässt sich die Recyclingquote auch nicht mehr weiter nach oben schrauben, sagt Vorstand Wolfgang Lakata. Der Grund: Schrott dient als Kühlmittel, ein höherer Anteil müsste mit zusätzlichen Brennmitteln ausgeglichen werden. „Das wäre energetischer Humbug“, meint Lakata.
Beim Elektrostahlverfahren sind hingegen Schrottanteile bis zu hundert Prozent möglich. Deshalb liest sich die heimische Wiederverwertungsquote in der Stahlerzeugung relativ mickrig: Die deutsche Stahlindustrie kommt auf einen Schrottanteil von 47 Prozent, der Weltdurchschnitt liegt bei einem Drittel. 
Auch bei der Zusammensetzung des Altmetalls müssen die Voestler aufpassen: Nicht jeder Stahl verträgt jeden Schrott, deshalb stellen Kölbl und sein Team auch jede Charge nach Produktionsplan individuell zusammen. „Heikel sind vor allem Buntmetallverunreinigungen – Kupferwicklungen aus Elektromotoren versauen den Stahl“, erläutert Lakata. Am liebsten ist ihm deshalb Schrott aus der eigenen Produktion (davon verwertet die voestalpine allein in Linz pro Jahr an die 600.000 Tonnen), gefolgt von feinem Neuschrott, etwa Pressabfällen, aus der Automobilindustrie. Im Idealfall hat den auch voestalpine produziert, was die Wiederverwertung erleichtert: „Da wissen wir, was drin ist.“  

Wissen: Industrieabfälle 
2,25 Millionen Tonnen oder 4,2 Prozent des heimischen Müllaufkommens sind Industrieabfälle (davon 930.000 Tonnen Metalle und 873.000 Tonnen Zellulose/Papier und Pappe). Bis 2016 soll diese Menge auf 2,52 Millionen Tonnen steigen. Beim Industriemüll ist die Recyclingquote traditionell hoch. Allerdings verringert sich die Sammlung von Eisen- und Stahlabfällen (Schrott und Verpackungen), während die Erfassungsrate von Altpapier, Kartonagen, Pappe und Wellpappe steigt. Die 250 österreichischen Schrotthandelsbetriebe setzen pro Jahr zirka 2 Milliarden Euro um und handeln mit rund 1,5 Millionen Tonnen unlegiertem Eisen- sowie 300.000 Tonnen Nichteisen- Metallschrott. 

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