21.09.2011 13:46

Wachstum ohne Überdehnung

Gerald Martens, Ring Holding: „Wir sind nicht Mirko Kovats“

Mit Firmenkäufen durch die europäische Büroartikel- und Lackindustrie zimmerten die Industriellen-Brüder Martens unbemerkt von der Öffentlichkeit einen Konzern mit über 200 Millionen Euro Umsatz. Was sie von klassischen Firmenkäufern unterscheidet und warum sie sich nicht vor chinesischen Konkurrenten fürchten.

Die Zentrale der Ring International Holding (RIH) residiert ganz nobel im Erdgeschoß des Wiener Palais Liechtenstein. Die historistisch-feudale Anmutung des vom Ringstraßen-Architekten Heinrich von Ferstel errichteten Gartenpalais am Alsergrund täuscht. Die fürstlichen Büromieten sind alles andere als hochherrschaftlich, lächelt Gerald Martens, Stratege im Vorstands-Duo des Mischkonzerns, der in den letzten zehn Jahren Lack- und Büroartikelfabriken und -Händler in ganz Europa aufkaufte. „Eigentlich ist das Büro zu klein, aber hier zahlen wir viel weniger als vorher in einem alten Industriebau am Stadtrand.“

Sein älterer Bruder, Haupteigentümer und Aufsichtsratschef Ralph Martens zieht die Fäden im Hintergrund, tritt nur mit seinem ehrenamtlichen Engagement für die Hilfsorganisation Care öffentlich in Erscheinung. Das Konzern-Schmieden läuft mittlerweile fast wie nebenbei: Begonnen hat der ältere Martens-Bruder 2001, indem er mit von einer Handvoll vermögenden Privatinvestoren eingesammeltem Startkapital den insolventen Traditionsbetrieb Koloman Handler aufschnupfte, der Ringbuchmechaniken herstellt. Damit war die Firmenstrategie geboren, das harte Kerngeschäft der Gebrüder Martens: halbmarode Unternehmen kaufen und im Schnelldurchlauf auf Vordermann bringen.
Heuer tun sie etwas Ungewohntes: innehalten und konsolidieren. „2011 ist ein Verschnaufjahr, wir haben so eine Riesenmasse verarbeiten müssen. Seit fünf Jahren hatten wir jedes Jahr ein durchschnittliches Umsatz- und Ebit-Wachstum von 30 bis 34 Prozent,“ sagt Gerald Martens. Nachsatz: „Das soll so bleiben.“  Damit es so bleibt, hat der Vorstand fürs nächste Jahr wieder drei Lack-Akquisitionen in der Pipeline. 2007 hatte RIH die Kriegskasse mit einer 50 Millionen Euro-Unternehmensanleihe und einer Kapitalerhöhung aufgefüllt; die nächste Eigenkapital-Runde steht bevor: „Wir werden definitiv Geld haben, um weiter zu übernehmen.“ Denn, darauf legt Gerald Martens Wert, Eigenkapital und Ergebnis habe man bei Zukäufen immer mitgesteigert: „Wir nehmen nicht drei Mal Risiko, ohne einen Polster zu haben. Wir sind nicht die Mirko Kovatse.“
Zu seinem Job als Konzern-Stratege kam er eher zufällig: „Mein Bruder hat mich am ersten Tag der Übernahme der Koloman Handler gefragt, ob ihm da kurz helfe. Ich komme also hinein und sage: Grüß Gott, Martens. Im Besprechungsraum haben mir einige Menschen in dunklen Anzügen viele Verträge zum Unterschreiben vorgelegt, weil sie mich für meinen Bruder gehalten haben.“ Der jüngere Martens nahm es gelassen: „Ich hab’ gesagt: Das ist eh lustig, ich bleibe.“

Tiefroter Ozean.
Ganz so lustig war der Anfang doch nicht. „Das Büroartikelgeschäft war ein tiefroter Ozean. Wir haben uns mit asiatischen Mitbewerbern herumgestritten, die hart in den Markt reindrängten. Ohne Position bis dort gar nirgends, wir mussten mit Rekordgeschwindigkeit auf die kritische Masse kommen.“ Also ging man auf Einkaufstour, geographische Streuung inklusive: Zur Euro-lastigen Ringbuchmechanik-Produktion kam der 2002 der US-Großhändler Bensons mit Dollar-basiertem Geschäft. Dazu kamen weitere Büroartikel-Händler und Produzenten, bis die Gebrüder Martens 2006 anstanden: „Da wollte mein Bruder aus der Commodity-Ecke heraus.“ Die Wiener Traditionslackfabrik Rembrandtin war gerade auf dem Markt, und Ralph Martens schlug zu. „Für uns war das zur Stabilisierung lebenswichtig. Rembrandtin war eines der ersten gesunden Unternehmen, die wir übernommen haben.“ Das Kaufen und Sanieren-Konzept spielten die Brüder auch in der sich neu formierenden Lacksparte durch: 2007 folgten der in die Pleite geschlitterte deutsche Pulverlackhersteller Iris (heute Rembrandtin Powder Coating) und das angeschlagene Linzer Familienunternehmen Christ Lacke. Dessen Sanierung sich lange hinzog: Erst 2010 gelang der Turnaround. Die beiden RIH-Geschäftsfelder haben unterschiedliche Zyklen – was die Krisenbewältigung erleichterte, ist Gerald Martens überzeugt. „2007/08 waren Büroartikel unter Druck und die Lacke im Ergebnis sehr solide. 2009 sind die Büroartikel wieder gut gekommen: Die Leute haben alle wie verrückt Papier abgelegt, um sich abzusichern, weil sie Angst hatten.“

Fortsetzung auf Seite 2: Mischkonzern Ring Holding: Die Zwei-Kreis-Strategie

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