04.06.2012 06:38

Interview

Leo Windtner: "Der Kunde taktet die Marktmöglichkeiten"

Energie-AG-Chef Leo Windtner im Interview über harte Verhandlungen mit Gas-Vorlieferanten, seine Lehren aus der Krise, politische und rechtliche Marktunsicherheiten und überschießende Klimaziele.

Und abgesehen vom Gasbereich?

Windtner: Wir haben bis dato ein besseres Wasserjahr als zuletzt. Dahingehend war das vergangene Jahr ja katastrophal. Wir können feststellen, dass die Industrie hinsichtlich der Abnahme durchaus wieder auf das Niveau von 2008 zurückgekehrt ist. Das ist für mich ein Indikator, dass sich die Konjunktur im Großen und Ganzen wieder stabilisiert hat. Wasser ist mittlerweile ein wirklich stabiles Geschäft – von den Margen her nicht überbordend, aber ein echter Stabilisator im Konzern. Das Thema Entsorgung ist insofern problematisch, als die Wertstoffpreise relativ weit im Keller sind. Wir setzen in diesem Bereich nicht nur auf Entsorgung, sondern auch stark auf die Recyclingschiene – in diese Richtung hat sich unser Geschäftsmodell ja stark verändert –, daher atmen wir die Wertstoffpreise entsprechend mit. Vor allem in den ersten Monaten des Jahres mussten wir hier leider auch eine Stagnation bemerken. Hier hoffen wir auf eine Normalisierung im Sommer.

Sie haben angekündigt, heuer rund 212 Millionen Euro investieren zu wollen. Was machen Sie damit?
Windtner: Es ist etwas mehr als im letzten Jahr, da waren es rund 205 Millionen Euro. Ein erklecklicher Teil, an die 65 Millionen, fließt ins Netz, einiges davon geht in den Kraftwerksbau. Auch in das Thema Smartmeters wird die Energie AG stark investieren. Und ein ständiges Thema ist der weitere Ausbau des Glasfasernetzes: In Oberösterreich sind wir ja on top, hier hat A1 eigentlich gar keinen Anteil.

Sie sprachen das Niveau von 2008 als Benchmark an. Inwieweit haben Sie diese Jahre verdaut?
Windtner: 2008 war eine spontan ausgebrochene Vertrauenskrise, stark getaktet von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Natürlich haben wir auch aus dieser Krise gelernt und unsere Schlüsse gezogen. Ein Beispiel ist die Strombeschaffung. Wir haben das Beschaffungsmodell komplett geändert. Gerade im Bereich der Key-Accounts hatten wir schmerzhafte Verluste hinzunehmen. Wir hatten fixe Lieferverträge mit teilweise minimalen Rückmeldeklauseln, und auf einmal fielen Großkunden in ihrem Energieverbrauch um 25 Prozent zurück. Wir hatten die Mengen beschafft, auf sehr hohem Preisniveau, und plötzlich blieben wir auf diesen Mengen sitzen und mussten sie auf dem Spotmarkt zum halben Preis unterbringen. Das hat sich geändert. In der Zwischenzeit gibt es eigentlich nur noch die Portfolio-Bewirtschaftung, das heißt: Letztlich taktet der Kunde selbst seine Marktmöglichkeiten, und wir sind mit einer gewissen Marge dabei. Wir haben also das Risiko herausgenommen – das war unser Lernprozess aus der Krise.

Und wie hat die Industrie darauf reagiert?
Windtner: Die Industrie hat damals natürlich auf ihre Verträge gepocht. Dann musste sie aber einsehen, dass wir dieses Modell gemeinsam mit ihnen entwickelt haben, und heute sind sie damit eigentlich voll einverstanden. Damit können die Kunden selbst die Marktmechanismen nutzen.

Wie sehr verspüren Sie die aktuellen Marktunsicherheiten?
Windtner: Zugegeben: Wir haben mit Deutschland und Österreich nur zwei Länder in der Euro-Zone, die das Niveau von 2008 voll erreicht haben, und wir sehen vor allem in Osteuropa, dass einiges an Unsicherheit zurückgekehrt ist. Das hängt zum Teil mit den Währungsparitäten zusammen, ich denke etwa an Tschechien oder Ungarn. Zum Teil gibt es auch politische und damit rechtliche Unsicherheiten. Schauen Sie etwa nach Ungarn, wo die Regierung Orban versucht, eine Rekommunalisierungswelle durchzuziehen, die jeder Binnenmarktidee klar widerspricht. Das sind natürlich Eckpunkte, die zu Vertrauensdefiziten in der Wirtschaft führen – vor allem im Hinblick auf die Engagements in Osteuropa. Die Banken mussten das wohl am schmerzhaftesten erfahren. Aber eine echte Krise sehe ich derzeit nicht.

Wo befindet sich das Level des Vertrauens in Ihrem Bereich? Ihr Geschäft basiert ja auch auf Vertrauen.
Windtner: Wenn Regierungen wie jene von Orban versuchen, die Dinge per Dekret zu verändern, hilft auch die Unterstützung unserer Repräsentanten in Brüssel, diese Regierung durchaus zum Einlenken zu bewegen.

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